Digitalisierung und Soziale Arbeit: Von der kritischen Duldung zur aktiven Auseinandersetzung

Oktober 2018 / Geschäftsstelle sozialinfo.ch
Die Soziale Arbeit stand der Digitalisierung bislang eher distanziert gegenüber. Die Dringlichkeit, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ist jedoch in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Statt nur zu reagieren, gibt es heute in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit Impulse, die Veränderungen aktiv mitzuprägen. Die Herausforderung, sich trotzdem ihr kritisches Potenzial zu bewahren, bleibt dabei bestehen.

Die Digitalisierung beschert uns laufend neue Kulturtechniken, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringen und umgestalten. Diese Umwälzungen der digitalen Revolution betreffen auch die Soziale Arbeit. Viele alltägliche Handlungen sind in den vergangenen 20 Jahren digitalisiert worden. Sei es zur Kommunikation, zur Beschaffung von Informationen, oder auch zur Dokumentation - die Arbeit am Computer und zunehmend auch über mobile Geräte ist heute integraler Bestandteil der Sozialen Arbeit geworden. Die Beschaffung von Software zur Fallführung ist mittlerweile ein Politikum; über die sozialpolitischen Implikationen der Automatisierung und die Auswirkungen auf den Arbeitsalltag spricht man jedoch noch kaum.

Jedes Medium drückt seinen Nutzern seine eigenen, teilweise verborgenen Regeln auf, die sich auf das Handeln mit ihnen auswirken. So erzeugt beispielsweise die Möglichkeit statistischer Auswertung, aber auch methodischer Nutzung von aggregierten Daten aus der Falldokumentation die Notwendigkeit, immer mehr und detailliertere Daten zu erfassen. Es ist den Sozialarbeitenden dann nicht immer klar, in wessen Interesse sie den dokumentarischen Aufwand betreiben. Das Verhältnis zwischen zunehmenden Verwaltungstätigkeiten und der Arbeit für und mit den KlientInnen wird deshalb oft als problematisch empfunden. Dem steht die Hoffnung gegenüber, dass mit zunehmendem Einsatz von digitalen Hilfsmitteln manche Verwaltungstätigkeiten vereinfacht oder effizienter gestaltet werden können, sodass am Ende wieder mehr Zeit für die Beratung übrigbleibt. Hier werden künftig Lösungen wie ein automatisiertes Intake oder auch eine Software- bzw. KI-gestützte Fallführung wertvolle Dienste leisten, wie Beat Hohermuth, Geschäftsleiter von Diartis, im Interview erläutert.


Manche Informationsangebote können zudem ausgelagert werden: so bietet etwa der online-Armutsrecher des Kantons Zürich für KlientInnen eine niederschwellige Hilfe, um sich unkompliziert über ihre Rechte und Möglichkeiten zu informieren – immer vorausgesetzt, dass sie über einen Internetzugang und die nötige Medienkompetenz verfügen. 

Die Digitalisierung reorganisiert, auch soziale Organisationen

Da die Digitalisierung so viele Ebenen des gesellschaftlichen Lebens durchdringt, transformiert sie automatisch auch die Art und Weise, wie Organisationen funktionieren. Sei es interne und externe Kommunikation, sei es die Arbeitsorganisation, oder seien es die Dienstleistungen selbst, die eine Organisation erbringt; es gibt wohl kaum einen Bereich, der nicht tangiert wäre. So ist es für Organisationen im Sozialbereich zunehmend von Bedeutung, auch online präsent zu sein. Nebst Websites ist die Präsenz auf Social Media-Netzwerken zunehmend wichtig, gerade für niederschwellige Kontaktaufnahme oder Beratungsangebote. Die dazu benötigten technologischen Grundlagen werden komplexer und setzen spezifisches Expertenwissen voraus. Die Digitalisierung ist damit zu einem wichtigen Faktor der Organisationsentwicklung geworden; die entsprechenden Erfahrungen und Best-Practices sind indes erst im Entstehen begriffen. 

Für den Sozialbereich ist wichtig zu erkennen, dass es je nach Arbeitsfeld verschiedene Entwicklungsszenarien braucht. Eine Organisation der Jugendarbeit hat andere Bedürfnisse und Notwendigkeiten, als eine Organisation der betrieblichen Sozialarbeit. Ein weiterer Faktor ist zudem, dass sowohl Fachpersonen wie auch die KlientInnen je nach Generationenzugehörigkeit unterschiedlich geprägt sind, was die Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien betrifft.   

Bestandsaufnahme Digitalisierung Soziale Arbeit

Wo steht der Sozialbereich in der digitalen Transformation? Die Geschäftsstelle sozialinfo.ch hat dazu eine Studie bei der FHNW in Auftrag gegeben.

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digitalisierung.sozialinfo.ch

Um Entscheidungsgrundlagen zur Entwicklung einer je angepassten digitalen Strategie zu erarbeiten, führt der Verein sozialinfo.ch in Kooperation mit der Fachhochschule Nordwestschweiz eine Bestandsaufnahme bei Sozialen Institutionen durch. Ziel ist die Entwicklung eines digitalen Transformationsmodells für die unterschiedlichen Handlungsfelder der Sozialen Arbeit (siehe Kasten). Dazu Barbara Beringer, Geschäftsführerin sozialinfo.ch: „Generationenübergreifende und handlungsfeldbezogene Kommunikationskompetenzen sind heute und wohl auch in Zukunft die Basis für gelingende Interventionen in der Sozialen Arbeit. Für die Soziale Arbeit bedeutet dies eine doppelte Spannung: Einerseits bei der eigenen Prägung, andererseits bei der unterschiedlichen Prägung der Klientschaft nach Alter und Generation.“    

Ethik in der digitalisierten Welt: Soziale Arbeit ist gefragt

Nebst den bekannten Effekten der Digitalisierung, die wir täglich beruflich oder privat erleben, gibt es weniger offensichtliche Effekte, die aber für die Soziale Arbeit ebenfalls wichtig sind. Ein Beispiel ist etwa die schleichende Veränderung des Menschenbildes, das sich durch seine zunehmende Quantifizierung vollzieht: mit unseren digitalen Aktivitäten erzeugen wir immer grössere und detailliertere Datenspuren– sei es absichtlich oder nicht, mit unserer Zustimmung oder ohne. Oft sind es vordergründig kostenlose Dienste wie WhatsApp, denen wir unser Beziehungsnetz, unsere Vorlieben, unsere biometrischen Daten, unsere Standorte und Bewegungsprofile anvertrauen. Nicht immer ist uns bewusst, dass wir die Bequemlichkeiten digitaler Dienste mit der Preisgabe privater Informationen erkaufen. „Das Produkt bist du“ heisst die Kurzformel: das digitale Selbst, das immer facettenreichere Informationen liefert, ist eine wichtige Handelsware geworden. Mit seiner Hilfe können Unternehmen nicht nur immer genauere Werbebotschaften streuen, das Micro-Targeting wird mittlerweile auch als umstrittene Methode in Wahlkämpfen eingesetzt. Vergessen geht dabei oft, dass dieses digitale Abbild ein höchst reduktives Menschenbild transportiert: ein Individuum ist aus dieser Sicht nicht mehr als eine Sammlung von Messpunkten; mit denen seine Einstellungen und sein zu erwartendes Verhalten modelliert werden können. Die freimütig gegebenen Informationen können problemlos auch für repressive Zwecke eingesetzt werden. Mit dem Ziel einer Erziehung der Gesellschaft betreibt etwa China eine flächendeckende digitale Überwachung seiner BürgerInnen. Ihr Verhalten wird laufend mit einem Punktesystem bewertet. Kreditwürdigkeit, Bewegungsfreiheit oder Karrierechancen werden vom entsprechenden „Social-Score“ abhängig gemacht. Der Staat verwirklicht dadurch eine umfassende soziale Kontrolle.

Solche Beispiele mögen uns alarmistisch erscheinen und weit weg von unserem Verständnis eines guten Lebens. Aber die Frage, ob und wo allenfalls durch die Digitalisierung Werthaltungen subtil langsam verschoben werden, ist auch für die Soziale Arbeit bedeutsam. Entwicklungen, die an sich gut sind oder scheinen, können in ihrer logischen Fortführung zu unerwünschten oder problematischen Resultaten führen. Macht uns der permanente Internetzugang freier, da jederzeit alle Informationen verfügbar sind? Oder sind wir in Wirklichkeit abhängiger geworden, da wir uns ohne Smartphone nur noch als halber Mensch fühlen? Und an welchem Punkt schlägt allenfalls der Nutzen um und wird zur Belastung? Die Digitalisierung eröffnet viele Möglichkeiten, unsere Alltagsgestaltung aber auch uns Menschen selbst zu optimieren. Die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz und Robotik beginnen sich erst abzuzeichnen und werden zu ganz neuen Machtkonstellationen führen. Zum anderen gibt es neue gesellschaftliche Bruchlinien, etwa wenn es Gruppen gibt, die dies ablehnen oder den Anschluss verlieren. Für die Soziale Arbeit ist etwa das Phänomen der digitalen Ungleichheit besonders wichtig. Digitalisierung kann zwar einerseits zu besserer gesellschaftlicher Teilhabe führen. Gleichzeitig gibt es aber Bevölkerungsgruppen, die etwa aufgrund ihres Alters, ihrer Bildung oder wegen Beeinträchtigungen mit dieser rasanten Entwicklung nicht mehr mitkommen. Unterprivilegierte Menschen können sich Geräte oder Zugänge teilweise nicht leisten, was zu gravierender Benachteiligung führt, wenn je länger je mehr alle wichtigen Informationen und Dienstleistungen ins Internet abwandern. Gerade für eine Profession, die sich für die Schwachen einsetzt, ist dies relevant.

Soziale Arbeit: in der Digitalisierung angekommen

Das Bewusstsein für solche Themen ist bei Sozialarbeitenden in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, nachdem sie der Digitalisierung gegenüber lange sehr zurückhaltend und kritisch gegenüberstanden. Ein Grund dafür ist sicher der Generationenwechsel bei den Sozialarbeitenden; für die digital sozialisierten Generationen ist das Online-Leben Alltag. Aber auch viele ältere Berufsleute haben sich an die digitalisierte Welt gewöhnt. Die verschiedenen Fachhochschulen befassen sich prioritär mit der Digitalisierung und bieten Beratungen, Veranstaltungen oder Weiterbildungen an, um entsprechende Fragen reflektieren und besser gestalten zu können. Man kann also festhalten, dass die Soziale Arbeit in der Digitalisierung angekommen ist und vom Modus der kritischen Duldung in den einer aktiven Auseinandersetzung gewechselt hat. In manchen Bereichen hat die Soziale Arbeit sogar bereits den Anspruch, nicht nur aufzuspringen, sondern die Entwicklung aktiv mitzugestalten. Ein Beispiel ist das Virtual-Reality-Labor der Berner Fachhochschule, das Studierenden ermöglicht, Gesprächssequenzen mit einem virtuellen Gesprächspartner zu trainieren. 


Den Fortschritt mitzugestalten, damit man die eigenen Wertsetzungen mit einbringen kann, ist für die Soziale Arbeit – wie auch für die Bedürfnisse derer Klientschaft - wichtig. Digitalisierung kommt nicht aus der Steckdose, sie ist eine menschengemachte Entwicklung. Entsprechend ist sie gestaltbar und muss gestaltet werden. Die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession muss und soll sich an dieser Gestaltung beteiligen. Dieser Meinung ist auch Barbara Beringer, Geschäftsführerin sozialinfo.ch: "Dies bedeutet, dass wir uns mit den verfügbaren und zukünftigen digitalen Technologien auseinandersetzen und prüfen, wie und in welcher Form sie zugunsten des Menschenbildes und des Auftrages in der Sozialen Arbeit genutzt werden können. Dies erfordert Fachexpertentum oder zumindest die Vernetzung mit Fachexperten aus Wirtschaft und Technik. Eine neue Aufgabe von Sozialen Institutionen ist somit, in diesen Entwicklungen nicht passiv und somit „abgehängt“ zu sein, sondern vielmehr die sozialarbeiterische Kompetenz und Expertise bezüglich gesellschaftlicher Probleme in den wirtschaftlich und politisch geprägten Diskurs einzubringen."

«Wir müssen uns mit den verfügbaren und zukünftigen digitalen Technologien auseinandersetzen und prüfen, wie und in welcher Form sie zugunsten des Menschenbildes und des Auftrages in der Sozialen Arbeit genutzt werden können.»

B. Beringer, Geschäftsleiterin sozialinfo.ch

Eine grosse Herausforderung besteht in dieser Auseinandersetzung wohl in der rasanten Entwicklung. Der aktuelle Stand der Dinge ist immer nur eine Zwischenstation zur nächsten Entwicklungsstufe. Neue technologische Entwicklungen würden die Menschen zuerst immer betäuben, sagte einst Marshall McLuhan, sodass ihnen gar nicht klar werde, was sich eigentlich verändert. Am Ende einer solchen Entwicklung stünde oft ein Resultat, das der ursprünglichen Absicht diametral entgegensetzt sei. Die wahre Herausforderung besteht wohl für die Soziale Arbeit darin, sich immer wieder im Sinne der Menschenwürde zu positionieren und ihr kritisches Potenzial auszuspielen, ohne technikfeindlich zu sein. Vor möglichen Gefahren zu warnen, ohne den Teufel an die Wand zu malen. Vielleicht kann sie dabei die als „Amaras Gesetz“ bekannt gewordene Faustregel im Hinterkopf behalten, die besagt, dass Menschen dazu neigen, die kurzfristigen Auswirkungen von Technologie zu überschätzen, die langfristigen Auswirkungen aber zu unterschätzen.


Gesprächstraining im VR-Lab

Studierende der Sozialen Arbeit werden in Bern unter anderem mittels „Virtual-Reality“-Technologie in der Gesprächsführung geschult. Das Departement  Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule betreibt dazu seit knapp zwei Jahren eigens ein Virtual-Reality-Labor (VR-Lab). Die DozentInnen Esther Abplanalp und Manuel Bachmann geben einen Einblick in die Technologie, und erklären, wie das Projekt zustande kam.

Das Virtual-Reality-Labor an der HSA Bern

Mittels VR-Brillen werden künstliche, dreidimensional erlebte virtuelle Räumen erzeugt, in welchen die Studierenden sogenannten „Avataren“, begegnen, also künstlichen dreidimensionalen „KlientInnen“. Das VR-Lab ist ausgestattet mit drei Arbeitsstationen, in denen die Studierende wahlweise sitzend oder stehend in den virtuellen Raum eintauchen können. Soft- und Hardware entsprechen den gängigen Standards, wie sie auch an anderen, beispielsweise universitären Instituten eingesetzt werden.

sozialinfo.ch: Wie funktioniert das Training in der virtuellen Realität?

Manuel Bachmann: In der VR-Sequenz haben die Studierenden die Aufgabe, mit einem der Avatare eine Gesprächsequenz zu führen, das dann auf Video aufgenommen wird. Wichtig ist zu verstehen, dass es sich dabei nicht um eine echte, dynamische Interaktion handelt. Die VR-Sequenz stellt bloss das Material her. Die gefilmten Sequenzen werden anschliessend im Peergruppengespräch analysiert. Da der Avatar bei allen Studierenden immer genau gleich agiert, können die verschiedenen Herangehensweisen gut sichtbar gemacht werden.

Könnten dazu nicht einfach SchauspielerInnen einbezogen werden?

Esther Abplanalp: Das ist ein anderes Setting mit anderen Zielsetzungen. In der zwischenmenschlichen Kommunikation reagiert man auf unterschiedliche Kanäle. Der Avatar hat das nicht. Zum Vergleichen ist das ein Vorteil: der Unterschied der individuellen Beratungsstile und der Kompetenzen der Studierenden zeigen sich so viel deutlicher.

Worauf reagiert denn das System? Gibt es verschiedene Reaktionen des Avatars, je nach Aktion der Studierenden?

Bachmann: Bei einfachen Übungen sind die Aktionen des Avatars fest vorgegeben, hier gibt es keine Varianz; wann sie ausgelöst werden, wird von den Versuchsleitern gesteuert. Das ist sinnvoll, da es uns ja um die Reaktion verschiedener Studierender unter exakt den gleichen Bedingungen geht. Es ist aber wichtig, verschiedene Methoden zu unterscheiden. Wir haben auch Übungen, die verschiedene, vorprogrammierte Reaktionen ermöglichen, etwa ein Publikum, das je nach Verhalten der Studierenden verschieden reagieren kann.

Was ist der Nutzen der Dreidimensionalität?

Bachmann: Das Besondere ist, dass man wirklich ganz in diese Situation eintaucht. Das merkt man auch an den Reaktionen der Studierenden. Im Unterschied dazu ist man beim Rollenspiel halt immer noch in Schulzimmer, bekannte Leute sind dann plötzlich Klienten, da ist es schwieriger, sich reinzugeben. Ein weiterer Vorteil gegenüber Rollenspielen ist, dass man Sachen machen kann, die in der Realität nicht möglich sind. Ich kann das Gespräch auf dem Mt. Everest stattfinden lassen. Ich kann mich selbst als Frau, oder in einem Spiegel als Avatar sehen, ich kann eine andere Hautfarbe oder ein anderes Geschlecht haben. Ich kann Sie als Doppelgänger erzeugen, dann können Sie sich in der virtuellen Welt selber treffen. Hier gibt es noch viele Entwicklungsmöglichkeiten.

Gibt es auch Aspekte der Kommunikation, die mit dieser Methode verloren gehen?

Abplanalp: Viele der vorhin erwähnten Sachen werden ja in der Forschung oder der Therapie genutzt, beispielsweise bei Höhenangst oder Spinnenangst. Für das Training müssen wir nun herausfinden, was möglich ist und was nicht. Was verloren ginge, wenn man nur noch das machen würde, ist die Begegnung von Mensch zu Mensch, sich selbst wahrzunehmen in der direkten Begegnung. Aber Studierende, die noch keine Beratungserfahrung haben und sich das gar nicht so richtig vorstellen können, können mal an einem Tisch sitzen, und zwar eben nicht mit Schauspielern oder Kolleginnen. Es darf aber nur ergänzend sein.

Bachmann: Rollenspiele oder Praktika werden nicht ersetzt. Wir behaupten auch nicht, dass das eine Interaktion ist. Es ist kein Ersatz für etwas anderes, sondern etwas, was zusätzliche Lernerfahrungen ermöglicht.

«Bei der Verwendung von Virtual Reality als Trainings- und Unterrichtsmethode sind wir bei den Ersten.»

Manuel Bachmann, Dozent BFH

Wie gut ist diese Technik im Moment?

Bachmann: Mit den technischen Vorgaben und Produkten, von denen wir abhängig sind, sind wir zufrieden. Sie sind auch mittlerweile erschwinglich. Was wir damit programmieren, ist von unseren menschlichen Fähigkeiten abhängig. Die Fälle sind inhaltlich entwickelt von Esther, die Programmierung machen wir vom technischen Team. Das ist kein gekauftes Produkt, sondern wir entwickeln das Produkt selbst.

Abplanalp: Die bereits erhältlichen, vorprogrammierten Avatare sind als Sozialarbeitsklienten oft nicht geeignet. Mittlerweile können wir eigene Avatare entwickeln, die besser unseren Bedürfnissen entsprechen.

Bachmann: Bislang hat man diese Methode fast ausschliesslich zu Forschungszwecken gebraucht, etwa in der Psychologie. Die Verwendung von Virtual Reality als Trainings- und Unterrichtsmethode ist relativ neu, da sind wir bei den Ersten; genau so wie wir macht das sonst niemand. Bislang war das auch viel zu teuer, das konnten sich nur wenige Institute leisten; eine VR-Brille kostete vor einigen Jahren mehrere zehntausend Euro.

Wie ist es überhaupt zu diesem Projekt gekommen?

Abplanalp: Die Gründe haben an sich nichts mit Sozialer Arbeit zu tun. Die BFH hat eine Strategie über Digitalisierung in der Lehre. Aber das betrifft die ganze BFH. Im Bachelor-Bereich der Sozialen Arbeit gibt es ein paar Leute und die Studiengangsleiterin, die einfach gerne innovativ sind und deshalb den Auftrag der Digitalisierung in der Lehre sehr engagiert umsetzen. In diesem Rahmen ist die Idee mit den Avataren entstanden. Da Manuel das Fachwissen und die Kompetenzen mitbrachte, dachten wir, dass es sich lohnt, das auszuprobieren. Wir haben ja je länger je mehr Studierende, die sich mit dieser Technik bestens auskennen, sich in den virtuellen Welten mehr oder weniger dauernd bewegen.

Ist die Konkurrenzsituation zwischen den Fachhochschulen auch ein Treiber für solche Projekte?

Bachmann: Natürlich haben wir damit Alleinstellungsmerkmal, womit wir innovativ unterwegs sind in der Sozialen Arbeit.

Sind an der BFH alle begeistert von dem Projekt?

Bachmann: Natürlich sind nicht alle Kollegen und Kolleginnen so enthusiastisch wie wir. Es gibt auch welche, die Mühe haben und befürchten, dass dann andere Methoden wie beispielsweise das Rollenspiel ersetzt werden. Da braucht es dann Erklärungen. Wir haben immer wieder betont: dass wir nichts wegnehmen, nichts ersetzen. Alles ist wie vorher, das VR-Lab einfach etwas Zusätzliches.

Abplanalp: Es ist wichtig, immer wieder zu signalisieren, dass man Soziale Arbeit nicht digitalisieren kann. Man wird nicht Beratung durch Avatare ersetzen. Mit dem VR-Lab haben wir eine zusätzliche Möglichkeit, zu trainieren und kompetenter zu werden, und sich dann je länger je mehr auch wieder anderem zuzuwenden.

Mit der Technik, die Ihr entwickelt, schafft Ihr neue Möglichkeiten, aber auch neue Gefahren.

Bachmann: Darum ist es wichtig, dass wir selbst als Sozialarbeitende die Technik in den Händen haben, und nicht fachfremde Leute, die keine Ahnung von Beratung und Wirkfaktoren haben. Deshalb müssen wir uns damit beschäftigen. Wir müssen die Avantgarde sein, müssen vorne dabei sein, damit wir auch sagen können, wie weit es gehen darf und wo die fachlichen und ethischen Grenzen sind. Wir müssen kompetent sein bei dieser Technik und das versuchen wir, dann können wir das auch beherrschen und steuern. Wir wollen mitreden und uns nicht überrollen lassen.

Abplanalp: Als Hochschule treiben wir die Entwicklung der Selbst- und Sozialkompetenzen im Rahmen des Studiums stark voran. Das gibt mir auch die Legitimation für das VR-Lab. Die Entwicklung der Persönlichkeit, die Fähigkeit, hinstehen und reflektiert argumentieren zu können, steht dabei im Vordergrund.

«Es ist gut, unseren Studierenden zu zeigen, dass Soziale Arbeit auch innovativ sein kann.»

Esther Abplanalp, Dozentin BFH Soziale Arbeit

Gibt es Eurer Meinung nach Grenzen, die nicht überschritten werden sollten? Avatare könnten ja dereinst als Berater eingesetzt werden.

Abplanalp: Da sage ich klar, dass das nicht in Frage kommt. Allenfalls können Avatare beim Ausfüllen von Formularen helfen. Aber Soziale Arbeit muss Begegnung bleiben. Da geht es darum, dass sich Menschen gegenseitig in ihrem ganzen Sein erfassen.

Nun arbeiten Software-Entwickler beispielsweise dran, das Intake von Sozialdiensten  zu automatisieren. Ein solcher Erstkontakt kann jedoch aus sozialarbeiterischer Sicht bereits Teil des Vertrauensaufbaus sein. Wie kann man das gegen Effizienzüberlegungen der Politik verteidigen?

Bachmann: Der wichtigste Wirkfaktor in der Beratung ist die Beziehung.  Das weiss man aus Forschungen der Psychologie. Deshalb sind echte Menschen wichtig und jedem Computer überlegen. Wo wir Geld sparen können, ist bei den automatischen Prozessen. Es ist die Frage, ob das Sammeln der wichtigsten Daten beim Intake schon zur Beziehungsarbeit gehört; es ist schon denkbar, dass das automatisiert werden könnte, aber ob das wirklich zielführend ist?

Digitalisierung hat auch eine materielle Basis: immer mehr Geräte benötigen immer mehr Rohstoffe und Strom. Man weiss, dass dies zu vielen sozialen und ökologischen Verwerfungen führt, die auch menschenrechtsrelevant sind. Sollte sich die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession hier positionieren, und wie?

Abplanalp: Das ist eine Zwickmühle. Ich kann das eigentlich gar nicht aus der Perspektive Sozialen Arbeit beantworten. Das ist eher die persönliche Ebene, dass man für sich herausfinden muss, einen wie grossen Fussabdruck man haben will auf der Welt. Ich versuche meinen klein zu halten. Wenn ich in der Sozialen Arbeit professionell arbeiten will, ist die Digitalisierung ist eine Realität, mit der ich einen Umgang finden muss

Die kritische Haltung ist ja vielleicht auch eine Qualität der Sozialen Arbeit, dass man erst mal zurücksteht und fragt: was ist denn das jetzt genau?

Abplanalp: Es ist auch gut, unseren Studierenden zu zeigen, dass Soziale Arbeit auch innovativ sein kann. Wir sind nicht immer nur die, die reagieren und erst «auf den Gring bekommen» und dann Pflästerli verteilen. Ich bin so sozialisiert worden, in den 1990er Jahren haben wir viel Neues entwickelt. Diesen Drive sollte Soziale Arbeit wieder etwas mehr haben.


Software: in der Fallführung nicht mehr wegzudenken

Durch eine stärker betriebswirtschaftlich orientierte Verwaltungsführung sind auch in der Sozialen Arbeit ökonomische Kriterien in den Vordergrund gerückt. Soziale Arbeit wird zunehmend vom Bild der Dienstleistung geprägt, deren Effekte und Ergebnisse man genau messen möchte. Die Digitalisierung ist bei dieser Entwicklung ein treibender Faktor. Darüber, wie die Digitalisierung die Arbeitsrealität der Sozialen Arbeit beeinflusst und wie sich die Vorgaben der Fallführungssoftware auf den Inhalt der Arbeit auswirken, haben wir mit Beat Hohermuth, Inhaber und Geschäftsführer der Fallführungssoftware-Firma Diartis, gesprochen.

Geschäftsstelle sozialinfo.ch: Herr Hohermuth, wie hat sich aus Ihrer Sicht die Soziale Arbeit durch die Digitalisierung verändert?

Beat Hohermuth: Grundsätzlich stehen wir noch mitten im Veränderungsprozess, vieles wird sich erst noch ändern. In der Sozialen Arbeit gibt es Nachholbedarf, was IT-Systeme anbelangt. Bei der Prozessunterstützung liegt noch viel mehr drin, als heute gemacht wird. Zudem werden die Anforderungen an Datenschutz sowie an die ordentliche Geschäftsführung immer grösser. Die Sachen, die man macht, müssen revisionsfähig und nachvollziehbar sein.

Kurzporträt Diartis

Beat Hohermuth gründete 1996 die Softwarefirma Diartis, die er bis heute leitet. Diartis übernahm die Software KLIB, die zuvor vom Pionier Walter Heimgartner entwickelt und betreut worden war. Die Software wurde seither kontinuierlich weiterentwickelt. Diartis hat weitere Produkte entwickelt und andere bestehende übernommen. Diartis ist heute in der ganzen Schweiz eine der führenden Anbieterinnen von Software für die Fallführung im Sozialwesen. Die Firma ist zudem im süddeutschen Raum präsent, etwa im Bereich der Schulsozialarbeit oder in der Behindertenhilfe.

www.diartis.ch/geschichte.html

Das sind vor allem legitimatorische Fragen?

Die Politik will steuern, dazu braucht sie eine Datengrundlage. Für die Sozialdienste ist es aber auch wichtig, den Wert ihrer Arbeit aufzeigen zu können, etwa um weitere Investitionen zu rechtfertigen. Bei den Sozialarbeitenden selbst ist der Computer allerdings auch nicht die grosse Liebe. Mit den neueren Generationen ändert sich das zwar, aber der Computer wird immer noch eher als Gefahr denn als Hilfsmittel für die Professionalität gesehen.

Oft wird das Verwaltungshandeln als zu gross erlebt.

Wir hören von unseren Kunden oft, dass es immer mehr Zeit vor dem Computer braucht und dadurch weniger Ressourcen für die eigentliche Arbeit zur Verfügung steht, die Betreuung der Klientel. Da versuchen wir als Lösungsanbieter natürlich, mit den neuesten technologischen Möglichkeiten immer mehr Hilfestellungen zu bieten. In Zukunft werden auch Themen wie künstliche Intelligenz Einzug halten.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Dass zum Beispiel ein IT-System Handlungsempfehlungen machen könnte. Das System greift dazu auf eine Datensammlung zurück, und je grösser diese ist, desto mehr Analogien und Muster kann der Computer aufgrund der Datenanalyse feststellen und anzeigen.

Das heisst, der Computer greift in das Feld ein, wo die Sozialarbeitenden sagen, hier haben wir eigentlich zu wenig Zeit?

Ja, das System würde sie unterstützen, etwa indem es ihnen sagt, was man in einem ähnlichen Fall vor drei Jahren gemacht hat und was die Wirkung war. Dann kann man sich das anschauen und abwägen, ob das in diesem Fall auch funktionieren könnte. Mit Hilfe solcher neuer Systeme könnte Wissen, das heute als Erfahrungs- und Ausbildungswissen an einzelne Personen gebunden ist, noch besser für ein Team erschlossen werden.

«Es wird die Zeit kommen, wo der User die Erfahrung macht: Wenn ich gewisse Daten eingebe, erhalte ich zusätzliche Informationen, welche bessere Entscheidungen ermöglichen.»

Beat Hohermuth, Geschäftsführer Diartis

Dazu müssten aber noch mehr Daten erfasst werden?

Es braucht nicht unbedingt mehr, aber strukturiertere und stärker standardisierte Daten. Natürlich sieht der Anwender noch keinen Nutzen darin, diese Daten zu erfassen, solange das System ihn nicht proaktiv unterstützt. Da gibt es im Moment ein Ungleichgewicht. Aber es wird die Zeit kommen, wo der User die Erfahrung macht: Wenn ich gewisse  Daten eingebe, erhalte ich zusätzliche Informationen, welche bessere Entscheidungen ermöglichen. Was dann tatsächlich umgesetzt wird, muss in der Verantwortung und Expertise der professionellen Person bleiben.

Gibt es noch andere Entwicklungen, die im Gange sind?

Ein Thema ist die Fallaufnahme. Hier wird jeweils erstmal festgestellt, welche Informationen zur Abklärung benötigt werden. Bis dann alles beieinander ist, dauert es meist eine Weile. Mit einem Online-Portal zur Anmeldung könnte man schon viele Daten im Voraus erschliessen. Das System könnte in verschiedenen Sprachen durch die Aufnahme führen und angeben, welche Daten und Unterlagen benötigt werden. Erst wenn ein bestimmtes Mass an Daten vorliegt, kriegt die Person einen Termin. Der Fallbearbeiter hat dann bereits ein ziemlich gutes Dossier und kann eine qualitativ gute Triage vornehmen. Auch wenn der Fall weitergereicht würde, wären die Daten dann bereits vorhanden. Mit solch einem digitalisierten Intake könnte man administrative Ressourcen einsparen.

Damit wird aber bei den Hilfesuchenden eine gewisse Medienkompetenz vorausgesetzt.

Ich weiss natürlich, dass nicht alle Hilfesuchenden damit klar kommen würden, aber diejenige, die die benötigten Ressourcen haben, könnte man so aufnehmen. Für die anderen könnte man innerhalb eines Sozialdienstes ein Check-In einrichten, bei dem die Leute von einer Betreuungsperson bei der Dateneingabe unterstützt werden. Das müsste nicht zwingend eine Fachexpertin oder ein Fachexperte sein, da es im ersten Schritt ja um das Administrative geht.

Der Erstkontakt wird in der Sozialen Arbeit bereits als wichtig betrachtet für den Vertrauensaufbau. Das würde aber damit verloren gehen?

Ich denke, wenn das Administrative erledigt ist, gibt es genug Möglichkeiten, das Vertrauen aufzubauen. Dann reden wir nicht mehr von notwendigen Unterlagen, sondern direkt von der Lebenssituation einer Person. Da ich keine Fachperson bin, kann ich das natürlich nur bedingt einschätzen, aber ich glaube, es braucht halt neue Ansätze. Das traue ich den professionellen Helfenden zu.

Das wäre jetzt ein Beispiel, wo sich die Methodik am Werkzeug anpasst. Hat sich die Methodik verändert, arbeitet man anders, seit es Computer gibt?

Methodik ist immer ein etwas heikles Thema. Wir haben mehrfach versucht, eine Methodik vorzugeben. Bisher sind wir gescheitert, da die Individualität und Kreativität zu hoch war und die Leute sagten, sie können nicht so arbeiten, oder sie haben gar keine Zeit, um einen Fall innerhalb dieser vorgegebenen Methodik abzuwickeln. Es gibt auch nicht die Methode, die von allen angewendet wird.

Kann denn die Software überhaupt methodenneutral sein?

Grundsätzlich schon. Die Software hilft bloss, die Daten zu strukturieren, etwa nach den Themen Arbeit, Soziales, Familie und so weiter. Viel mehr Methodik konnten wir bislang nicht hineinbringen, versuchen es aber weiterhin. Wir sind zurzeit in ein neues Projekt involviert, das heisst „Visual Analytics“. Hier geht es darum, Biographie- und Lebensereignisdaten entlang eines Zeitstrahls zu ordnen und dann bestimmte Wirkungszusammenhänge sichtbar zu machen. Es können auch neue Verbindungen geschaffen werden, um zu testen, was mit damit passieren würde. Das ist einerseits  etwas spielerisch, und dadurch könnte man Wissen erschliessen. Dieses Anliegen kommt an sich aus der Sozialen Arbeit. Peter Sommerfeld ist da ein Treiber. Er hat erkannt, dass es Technik dazu braucht, um das noch mehr zu unterstützen. Für das Projekt hatdie Hochschule Soziale Arbeit mit der Hochschule Technik Nordwestschweiz zusammengefunden. Unsere Aufgabe ist es, das Tool dann in die Praxis zu bringen, so dass es dann wirklich auch angewandt wird. Dahinter steht unter anderem auch die Idee, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln.

Wo sehen sie Grenzen der Entwicklung?

Die Frage ist etwas zweischneidig. Als Inhaber einer IT-Firma könnte man sagen, es gibt keine Grenzen. Da gibt es vielleicht irgendwann den Sozio-Roboter, der mit den Klienten spricht und aufgrund einer Riesenflut von Daten etwas Schlaues sagt. In diese Richtung wird weit gedacht, und vieles wird möglich sein. Als Privatperson stellt sich aus ethischer Sicht die Frage, wie weit man gehen will. Das Gespräch zwischen zwei Menschen kann man nicht durch einen Roboter ersetzen. Aber die Herausforderung ist, dass wir immer mehr soziale Problemstellungen haben, es gibt immer mehr Fälle von Burnout oder psychischen Einschränkungen. Das macht mir Sorgen. Mit den verfügbaren Ressourcen muss ein immer höherer Bedarf abgedeckt werden. Und dort müssen wir schauen, dass der Computer möglichst viel abnehmen kann, dass man die Ressourcen für den wesentlichen Teil dieser Arbeit konzentriert einsetzen kann. Eine unserer Visionen ist es auch, dass die Standards zumindest kantonal einheitlicher werden. So könnten Mitarbeitende an neuen Stellen auch schnell weiterarbeiten und müssten nicht vollumfänglich geschult werden, weil die Prozesse ganz anders sind.

Das setzt voraus, dass grossflächig mit denselben Systemen gearbeitet wird?

Ob das dann heisst, dass es nur noch ein einziges System gibt, ist offen. Aber Solothurn hat beispielsweise schon jetzt nur noch ein System. Die haben das geschafft, dass der Kanton und alle 14 Sozialregionen ein einziges System nutzen. Das ist so gesehen ein Modellkanton, bei dem der Datenaustausch bereits jetzt voll elektronisch stattfindet.

Zurück zum historischen Kontext. Diartis war ja die erste Firma, die damit begonnen hatte, solche Software herzustellen. Was war der ursprüngliche Impuls, das zu machen?

Der Auslöser war das Anliegen aus der Praxis, Klientengelder mit dem Computer zu bewirtschaften. Walter Heimgartner, ein Pionier in dem Markt, entwickelte deshalb ein System für die Klientenbuchhaltung. Daraus entstand dann die Idee, auch Aktennotizen erfassen zu können. Das war der Ursprung der Fallführungssoftware - das ist fast 30 Jahre her. Als dann neue Software-Generationen wie Windows aufkamen, und man die Systeme auf diese neue Technologie umstellen musste, suchte er Leute, die ihn unterstützten, weil er nicht mehr alles alleine machen konnte. Als Walter Heimgartner dann die Firma in neue Hände geben wollte, habe ich sie unter dem Namen Diartis übernommen und weiter ausgebaut. Mit der Zeit kamen immer mehr Bedürfnisse hinzu, die zu mehr Funktionalitäten führten. Inzwischen haben wir eine ziemlich umfangreiche Applikation, die modular aufgebaut ist.

Wie kommen die Bedürfnisse von der „Front“ zu Euch?

Einerseits haben wir Angestellte, die eine sozialarbeiterische Ausbildung haben. Zudem haben wir immer wieder Leute eingestellt, die schon bei Kunden von uns gearbeitet haben und wissen, wie die Bedürfnisse dort sind. Das können auch Sachbearbeitende sein, die die Prozesse kennen. Die erklären einfach gesagt den Entwicklern, was der Kunde braucht. Sehr gute Erfahrungen machen wir zudem mit Kundengruppen, bei dem wir das Bedürfnis von verschidenen Diensten gemeinsam besprechen. Dadurch wird neben einer gemeinsamen Lösungssuche auch Vernetzung untereinander ermöglicht.

In Bern hat das Stimmvolk kürzlich dem Projekt Citysoftnet zugestimmt, das gemeinsam mit den Städten Basel-Stadt und Zürich eine neue Software für die Fallführung in der Sozialhilfe entwickeln soll. Könnte das darauf hinauslaufen, dass es irgendwann nur noch einen Anbieter gibt? Wäre das wünschbar?

Wenn wir es wären, wäre es natürlich wünschenswert… (lacht) Nein, aber ich denke, der Markt wird sich sicher konsolidieren. Vor 20 Jahren konnte man eine Softwarefirma gründen und eine Software schreiben, wenn man ein Informatikbuch gelesen hat, und konnte davon leben. Diese Zeiten sind vorbei. Softwareentwicklung braucht heute sehr viel Knowhow und viele Ressourcen. Um «State of the Art» zu bleiben und mit den Entwicklungen Schritt halten zu können, benötigt man eine gewisse Grösse. Für den Markt wäre es wünschenswert, wenn es noch mindestens zwei Anbieter gäbe, die den Schweizer Markt abdecken können. Dieser ist aber für eine Fachapplikation sehr klein. Die Eintrittshürde ist daher sehr hoch. Mit Citysoftnet kommt jetzt noch eine neue Firma rein, aber das ist nochmals ein anderes Modell. Die drei Städte werden als Eigner der Software den Markt beeinflussen und bestimmen. Und das ist, was uns daran nicht gefällt: Dass der Staat da das Gefühl hat, er müsse das zu steuern beginnen. Das ist aus unserer Sicht nicht seine Aufgabe, de facto wollen sie das aber mit ihrer Vision, die sie haben.

Citysoftnet - Neue Wege bei der Software-Entwicklung im Sozialwesen

Die Städte Bern und Zürich und der Kanton Basel-Stadt spannen bei der Beschaffung einer Software-Lösung für die Fallführung in der Sozialhilfe zusammen. Neu ist, dass in Eigenregie eine Software-Lösung von Grund auf neu entwickelt werden soll. Dazu wurde der Verein Citysoftnet gegründet, der den Auftrag vergibt, aber die Rechte an und damit die Kontrolle über der Software behalten soll. Den Auftrag für die Entwicklung der Software hat Citysoftnet der Firma Emineo vergeben. Für die Umsetzung sind 36.5 Millionen Franke projektiert. Zu Diskussionen Anlass gab das Projekt vor allem in der Stadt Bern, da hier die Stimmberechtigten dem Anteil der Stadt Bern in der Höhe von 18.9 Millionen zustimmen mussten. Die Projektpartner erhoffen sich von diesem Projekt, dass sich die Software zum Standard entwickeln könnte. Dies würde generell den Datenaustausch mit Bund und Kantonen vereinfachen.

Sie haben in Ihrer 30-Jährigen Geschichte viel Wissen und Erfahrung in Bezug auf die Soziale Arbeit gesammelt. Kann eine Firma, die neu in das Gebiet reinkommt, dieses fachliche Knowhow wettmachen?

Die vom Verein Citysoftnet beauftragte Software-Firma hat Lücken, das ist klar. Citysoftnet sagt natürlich: Wir als Auftraggeber haben das Wissen, wir brauchen nur jemanden, der das IT-mässig stemmen kann und macht, was wir sagen. Es gibt Beispiele, wo solche Vorhaben gescheitert sind. Von daher ist es ein sehr ambitioniertes und auch risikobehaftetes Ziel.

Bleibt der Markt für euch intakt, auch wenn sich Citysoftnet etabliert? Oder seid ihr bedroht?

Mittelfristig sind wir nicht bedroht. Langfristig muss man sehen, wie es sich entwickelt. Ich bin eher skeptisch, dass aus Citysoftnet eine zukunftsfähige Lösung für die breite Masse wird. Aber wir werden uns natürlich entsprechend positionieren Aber für uns gibt es noch immer einen genügend grossen Markt. Und schlussendlich belebt eine gesunde Konkurrenz den Markt.


Digitale Kommunikation und Vernetzung – auch für die Soziale Arbeit gewünscht

Die Nutzung von Social Media zur professionsbezogenen Kommunikation unter Fachleuten ist in der Sozialen Arbeit eher noch die Ausnahme. BefürworterInnen der Vernetzung sehen darin ein grosses Potenzial, um die Profession durch Wissens- und Erfahrungsaustausch weiterzuentwickeln. 

Durch das digitale Kommunikationsnetz hat sich der zwischenmenschliche Austausch in kurzer Zeit vervielfacht. Gerade die mobilen Geräte wie Smartphones ermöglichen unkomplizierte und schnelle Interaktionen. Durch die Social Media ist sogar ein neuer Typ von Netzwerken entstanden, die es so vorher noch nicht gab, und die auch zunehmende Bedeutung für das politische Geschehen haben. Interessengruppen können sich schnell und zielgerichtet formieren und bemerkbar machen. Dies erleichtert es auch Menschen mit Beeinträchtigungen, Kontakte zu knüpfen und sich einzubringen. Aber auch der Zugang zu Beratungsangeboten der Sozialen Arbeit kann durch Online-Dienstleistungen niederschwelliger gestaltet werden. In vielen Bereichen, wie etwa der Jugendarbeit, der Beratung von Menschen mit Behinderungen oder der Suchtberatung, wird das bereits umgesetzt.

Aber auch innerhalb der Sozialen Arbeit wird der Ruf nach Vernetzung immer wieder hörbar. Mit der Idee, Wissen zu teilen, Erfahrungen auszutauschen und berufliche Identitäten weiterzuentwickeln sind spezifische Angebote wie etwa das „Snetz.ch“ oder die „Plattform Netzwerk Schlüsselsituationen der Sozialen Arbeit“ entstanden. Diese Plattformen richten sich explizit an Fachpersonen und haben demensprechend eine höhere Eintrittsschwelle.

Eine offenere Möglichkeit, seine Anliegen und Ideen öffentlich zu machen, sind Blogs. Was das für die Soziale Arbeit heissen könnte, erläutern Daniela Duff und David Zeder in ihrem Blog „Talking Social Work“. Sie möchten unter anderem die Vielfalt der Sozialen Arbeit sichtbar machen, eigene Positionen diskutieren und sich mit anderen vernetzen. Eine breite Beteiligung und reger  Online-Austausch sind indes zurzeit noch unerfüllte Wünsche. Für David Zeder könnte die Zurückhaltung damit zusammenhängen, dass die Vernetzung und der Meinungsaustausch auf Individuen abzielen, die meisten Sozialarbeitenden aber als Berufsleute eine Organisation repräsentieren und deshalb nicht unabhängig sind. „Man agiert eher als Privatperson; eigene Interessen und Meinungen stehen im Vordergrund. Die Leute möchten sich aber selten unter ihrem Namen positionieren, eventuell aus Angst vor negativen persönlichen Konsequenzen.“

Vernetzungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit