Die unsichtbare Armut in der Schweiz

März 2018 / Regine Strub
Mit einem gesamtschweizerischen Strategiebericht von 2010 zur Armutsbekämpfung hat der Bundesrat erstmals offiziell anerkannt, dass es auch in der reichen Schweiz Armut gibt. Doch was heisst Armut für Betroffene und Fachleute der Sozialen Arbeit konkret? Wir haben an unterschiedlichen Schauplätzen persönliche Stimmen dazu eingefangen.

Armut in der Schweiz ist häufig nicht auf den ersten Blick sichtbar, und doch ist sie für viele Menschen eine Realität. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Armutsquote mit 7 Prozent im Jahre 2015 zwar immer noch relativ tief. Das Bundesamt für Statistik (BFS) geht dabei von einer absoluten Definition von Armut aus und verwendet die Höhe des sozialen Existenzminimus, das sich an den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) orientiert. Seit die Armutsquote vom Bundesamt für Statistik im Jahr 2007 jährlich erhoben wird, ist kein dramatischer Anstieg sichtbar. Die absoluten Zahlen sind trotzdem erschreckend hoch: 570‘000 Personen waren im Jahr 2015 in der Schweiz von Armut betroffen. Zieht man die Zahlen für die Armutsgefährdung heran, sieht die Situation noch dramatischer aus. Jede siebte Person in der Schweiz war im Jahr 2016 von Armut bedroht und jede fünfte Person hatte Schwierigkeiten, eine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken zu tätigen (so das BFS in einer Medienmitteilung vom November 2017). 

Armut hat viele Facetten. Da ist zum einen das fehlende oder knappe Einkommen, das darüber bestimmt, wie und ob jemand in unserer konsumorientierten Gesellschaft teilhaben kann oder nicht. Zum anderen gibt es soziale Dimensionen von Armut, die nicht offensichtlich und schwer fassbar sind. So gibt es nicht die typischen Armutsbetroffenen. Je nach Lebenssituation und Gründen für die Armut erleben Betroffene ihre Situation anders.

Wir haben im folgenden Beitrag exemplarisch zwei Armutsbetroffene befragt, die sich mit dem Thema politisch auseinandersetzen und aufgrund eigener Erfahrungen und ihres Engagements in einem Selbsthilfeprojekt zu Expertinnen und Experten geworden sind. Aus den Erzählungen von Avji Sirmoglu und Christoph Ditzler wird klar, dass sie einen Wertewandel wie das sogenannte Aktivierungsparadigma unmittelbar zu spüren bekommen und dies bei ihnen entsprechend Frustrationen hervorruft.  Nicht die Armut werde bekämpft, sondern die Armutsbetroffenen, so ein bitteres Fazit.

Sozialarbeitende wie Barbara Kuoni, die in der Sozialhilfe arbeiten, erleben tagtäglich, mit wie wenig Verständnis die Gesellschaft auf Armutsbetroffene reagiert. Zwar ist es in der Schweiz immer noch möglich, Armutsbetroffenen ein Existenzminimum zu gewähren. Doch sind Sozialarbeitende vermehrt einem Legitimationsdruck ausgesetzt, der verlangt, dass sie ihr Handeln gegenüber Behörden oft genau begründen müssen. Die Fachleute möchten einerseits ihren Klientinnen und Klienten gerecht werden und müssen andererseits um einen ökonomischen und sparsamen Einsatz von öffentlichen Geldern besorgt sein. Gefragt sind in dieser Situation Fachpersonen, die trotz widrigen Umständen ihren Gestaltungsspielraum professionell zu nutzen wissen und Armutsbetroffene als autonome und selbstbestimmte Menschen betrachten.

Für Sozialarbeitende in der Gemeinwesenarbeit ist Armut ein Querschnittsthema. Sie befassen sich in ihrem Arbeitsalltag eher mit Strukturen und gesellschaftlichen Phänomenen. Sie richten ihr Augenmerk auf die Lebensqualität in einem Quartier und unterstützen Freiwillige, die sich in und für ihr Quartier engagieren wollen. Einen exemplarischen Einblick in dieses Arbeitsfeld erhalten wir durch Julia Rogger, die in einem Quartier in Bern West tätig ist. Sie macht die Erfahrung, dass Scham und materielle Entbehrungen eine Aktivierung von Armutsbetroffenen wesentlich erschwert.

Lesen Sie die einzelnen Beiträge: 


«Es ist so einfach, abstrakt über Armut zu sprechen»

Avji Sirmoglu und Christoph Ditzler aus dem Planet 13

Wer in der Schweiz über wenig Geld verfügt, ist weitgehend von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Noch fast schlimmer empfinden Betroffene jedoch das fehlende Verständnis der Gesellschaft für ihre Situation. Betroffene und Fachleute berichten.

Das Gefühl, ausgeliefert zu sein

Als ich an einem Nachmittag in das Internet-Café Planet13 im belebten Klein-Basel komme, ist es voll. In insgesamt drei Räumen an schätzungsweise rund 28 PC-Arbeitsplätzen sitzen die unterschiedlichsten Menschen an den Pulten und arbeiten am Computer. Auffallend ist, dass mehr Männer als Frauen anwesend sind und die Mehrheit wahrscheinlich einen Migrationshintergrund aufweist. Die Stimmung ist relativ ruhig, alle arbeiten still und konzentriert. Ein junger, freundlicher Mann, der hier ehrenamtlich arbeitet, führt mich zum Büro. Dort warten Avji Sirmoglu und Christoph Ditzler auf mich. Ein Bürostuhl wird von Jacken befreit und mir zum Sitzen angeboten. Avji Sirmoglu entschuldigt sich für das vollgestopfte Büro, das gleichzeitig als Lagerraum dient, während Christoph Ditzler mir erst mal einen Kaffee holt.

Planet13: Selbsthilfeprojekt mit grossem Netzwerk

Das Internetcafé Planet13 befindet sich an der Klybeckstrasse 60 in Basel und ist ein Selbsthilfeprojekt von Armutsbetroffenen. Der Treffpunkt bietet 28 PC-Stationen mit Internetzugang für das selbstständige Schreiben von Bewerbungen an. Während den Öffnungszeiten, zum Teil aber auch abends, finden kulturelle und bildungsorientierte Veranstaltungen statt. Das Internetcafé wird ausschliesslich ehrenamtlich betrieben. Es engagieren sich beispielsweise Sozialhilfebeziehende, Arbeitslose, Pensionierte, Studierende, IV-Rentner und –rentnerinnen, Asylsuchende. Einen Tag in der Woche, jeweils am Mittwoch, ist das Café nur für Frauen geöffnet.

«Wie ist es gekommen, dass Sie arm sind?» Ditzler lacht über meine etwas steile Einstiegsfrage. Zu oft wurde diese Frage wohl gestellt und allzu oft geht es darum, dass man die Ursache bei den Betroffenen sucht. Bei den besonderen Lebensumständen, der schwierigen Biographie oder den persönlichen Problemen, den fehlenden Ressourcen. Und indem sich diese rechtfertigen müssen. Warum er arm sei? «Weil man lebt», ist die knappe Antwort des 62-Jährigen. Und fügt hinzu, dass es sich bei ihm um Mobbing gehandelt habe. Auch bei Sirmoglu war es der Verlust des Arbeitsplatzes. Auf jeden Fall kann es jedem passieren, sind sich die beiden einig. Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern des Internetcafés Planet13, das letztes Jahr sein zehnjähriges Bestehen feierte. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung haben sie sich mit der Armutspolitik der Schweiz auseinandergesetzt und sich kürzlich in der Zeitschrift «Widerspruch» in einem Artikel mit dem Titel «Strategien gegen Armut» zur Armutspolitik der Schweiz geäussert. 

«Arm sein in der Schweiz bedeutet, dass die Lebenshaltungskosten nicht mehr mit dem eigenen Einkommen vollständig gedeckt werden können, definiert Sirmoglu Armut. Sie bezeichnet sich selbst als «ältere Dame» und äussert sich differenziert und überlegt. «Zum Beispiel, weil man keinen Zugang zum Lohnerwerb mehr hat». Etwas direkter äussert sich Ditzler: Arm sein bedeute, dass man einer Art Regime ausgesetzt sei. «Man ist ständig unter Druck, fühlt sich beobachtet, kontrolliert und staatlichen Repressionen ausgesetzt.» Er könne zu seiner Armut offen stehen, weil er eine grosse Wut auf dieses System verspüre und weil er diese Wut im Internetcafé konstruktiv nutzen könne, begründet Ditzler später im Gespräch seine Bereitschaft, zu seiner Armut öffentlich zu stehen. «Die meisten können das nicht», weiss er. «Nicht die Armut wird bekämpft, sondern die Armen», ist Ditzler überzeugt. Auch Sirmoglu kann zu ihrer Armut stehen, weil sie im Planet13 eine sinnvolle Tätigkeit hat und sich für Armutsbetroffene einsetzen kann.

«Nicht die Armut wird bekämpft, sondern die Armen»

Christoph Ditzler

Die Einschränkungen im Alltag sind vielfältig, wenn man wenig Geld hat, erzählen die beiden. Sirmoglu, berichtet, dass sie in einer kleinen Wohnung lebe. Weil sie ihre Sachen beim Umzug von der grösseren Zweieinhalb-Zimmerwohnung in eine kleinere Zwei-Zimmer-Wohnung damals nicht alle einfach wegwerfen wollte, sei ihre Wohnung nun total überfüllt. «Das hat nichts mit Messie-Syndrom zu tun, alles ist sauber», aber sie schäme sich und könne deshalb niemanden mehr in ihre Wohnung einladen. Ditzler erzählt, dass man sich nur billiges Essen leisten könne – was meistens nicht gesund sei. Ditzler, der zwischendurch aufsteht, um vor der offenen Balkontüre zu rauchen, erzählt, dass sein kulturelles Leben trotz Kulturlegi inexistent sei. Auch der halbe Preis eines Eintrittes sei für ihn, wie für andere Armutsbetroffene auch, kaum bezahlbar. Wenn man sich einmal so etwas leisten wolle, müsse man in einem anderen Bereich das Geld einsparen, erzählt er. Dass sich nach und nach der Freundeskreis verkleinere, liege in der Natur der Sache. Am Anfang bezahlten die grosszügigen Freunde einem vielleicht noch etwas, aber mit der Zeit wolle man dies selber nicht mehr. Seine Wohnsituation beschreibt er so: «Ich wohne beim Bahnhof direkt neben den Geleisen und höre jeden Zug, der rein- oder rausfährt». In Basel-Stadt liege die Mietzinslimite für Sozialhilfebeziehende für einen Einpersonen-Haushalt bei 700 Franken exklusive, erzählen beide. Es sei sehr schwierig, eine Wohnung zu finden. Gemäss der Obdachlosenhilfe Schwarzer Peter in Basel-Stadt, haben rund 400 Menschen die Adresse des Vereins als Adresse angegeben und sind damit wohnungslos. Obwohl schweizweit keine offiziellen Zahlen zu Obdachlosigkeit existieren, gehen sie davon aus, dass  rund 20 Prozent davon regelmässig draussen übernachten.

Zu viele rangeln sich um dieselbe Stelle

Auch die Arbeitssuche gestaltet sich für Armutsbetroffene mitunter schwierig. Wie ist es, wenn man eine Stelle sucht und 599 andere Personen bewerben sich ebenfalls um diese Stelle? Wenn man nicht einmal mehr eine Absage oder die Bewerbungsunterlagen zurück erhält, weil das Porto für so viele Menschen die Firma einfach zu viel kosten würde?  Avji Sirmoglu hat dies selber erlebt und sieht, dass es vielen Menschen, die ins Internetcafé kommen, ähnlich ergeht. «Zu viele Menschen rangeln sich um den gleichen Job», erzählt Sirmoglu. Menschen mit fehlenden Qualifikationen bekämen dies besonders zu spüren. Und die Arbeitsprogramme im sogenannten zweiten Arbeitsmarkt seien keine wirkliche Hilfe. «Ich habe noch nie jemanden erlebt, der dank der Teilnahme an einem solchen Programm eine Arbeitsstelle gefunden hat», stellt Ditzler fest. Was den beiden Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass die meisten Menschen, die das Internetcafé besuchen, kaum eine realistische Perspektive auf einen festen Arbeitsplatz haben. Und dieser Eindruck ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Immer mehr Menschen sind über längere Zeit auf Sozialhilfe angewiesen. Besonders schwer haben es Personen mit geringer beruflicher Qualifikation, Alleinerziehende und über 55-jährige Erwerbslose.

«Es ist so einfach, abstrakt über Armut zu sprechen»

Avji Sirmoglu

Für die meisten Besucher und Besucherinnen des Internetcafés bedeute Armut vor allem Stress, so Sirmoglu. Bei der Arbeitssuche, beim Sozialamt, bei der Wohnungssuche oder beim Umgang mit den Behörden. So sei sie Fremdsprachigen behilflich beim Verstehen von amtlichen Briefen. Häufig laufe den Betroffenen der Schweiss nur so von der Stirn, wenn sie ihr einen amtlichen Brief zeigen und erwartungsvoll auf ihre Antwort warten. Bedeute sie, dass der Inhalt positiv sei, seien sie sehr erleichtert. Viele würden den Gang zum Sozialamt fürchten, stellt Sirmoglu fest. Sie ist zwar nicht vollständig überzeugt von der Idee eines garantierten Grundeinkommens. Aber wäre dieses in der letzten Abstimmung angenommen worden, hätte es zumindest vielen Menschen den Stress erspart. Überhaupt sei den meisten, nicht armutsbetroffenen Menschen, kaum bewusst, wie einschneidend Armut in der Schweiz sei. «Es ist so einfach, abstrakt über Armut zu sprechen», kritisiert Sirmoglu. In dem Artikel den sie für das Magazin «Widerspruch» geschrieben haben, bemängeln Sirmoglu und Ditzler, dass den Betroffenen häufig die Schuld an ihrer Situation gegeben werde. Dabei ist Armut in der Schweiz schon lange kein Randphänomen mehr. Im Jahr 2015 waren rund 570 000 Personen oder 7 Prozent der Privathaushalte in der Schweiz von Armut betroffen.


«Immer an der Schnittstelle zur Politik»

Barbara Kuoni, Sozialarbeiterin in der Sozialhilfe

Barbara Kuoni empfängt mich in ihrem Büro auf dem Sozialdienst in Belp, einem regionalen Sozialdienst in der Agglomeration von Bern. Der Gang und das kleine Büro wirken hell und sind zweckmässig eingerichtet.

Für die Sozialarbeiterin Barbara Kuoni bedeutet arm sein in der Schweiz nicht zwingend, dass man kein Dach über dem Kopf, keine Kleider und nichts zu essen hat. Doch eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sei schwierig. Im Kanton Bern sei der Grundbedarf der Sozialhilfe nie angepasst worden, auch als die Skos die Ansätze erhöhte. «Fakt ist, wenn man den Warenkorb anschaut, den die Skos als Mass für die Festlegung des Existenzminimums nimmt, dann reicht der Grundbedarf in der Sozialhilfe nicht aus, um diesen Bedarf vollständig zu decken. Dass damit Einschränkungen in der sozialen Teilhabe verbunden sind, ist deshalb offenkundig», meint Kuoni. Die Tatsache, dass die Betroffenen von unserer Konsumgesellschaft ausgeschlossen seien, sei wohl das, was sie am empfindlichsten treffe, ist sie überzeugt. «Noch brisanter ist das Thema, wenn Kinder und Jugendliche mitbetroffen sind». Gemäss einem Positionspapier von Caritas Schweiz aus dem Jahre 2017 leben 76 000 Kinder in Armut, und weitere 188 000 in prekären Lebensverhältnissen. Die Leute gehen gemäss Kuoni unterschiedlich mit dieser Situation um. «Grundsätzlich kommt niemand gerne auf den Sozialdienst, es ist für niemanden angenehm, mit dem Existenzminimum zu leben». 

«Wenn man den Warenkorb anschaut, den die Skos als Mass für die Festlegung des Existenzminimums nimmt, dann reicht der Grundbedarf in der Sozialhilfe nicht aus, um diesen Bedarf vollständig zu decken»

Barbara Kuoni

Vor etwa zehn, fünfzehn Jahren habe es einen wichtigen Einschnitt in der Sozialhilfe gegeben, ist Kuoni überzeugt. Als damals die Debatte um den Sozialhilfemissbrauch in den Medien breit geschlagen wurde, hatte dies weitreichende Konsequenzen für die Sozialhilfe. Die öffentliche Debatte habe wesentlich dazu beigetragen, dass mit Argwohn betrachtet werde, wer Sozialhilfe beziehe. «Die ganze Schuldfrage wurde neu lanciert», so Kuoni. Als Kuoni im Jahr 1993 neu als Sozialarbeiterin begann, sei dies kaum ein Thema gewesen. Damals sei die Arbeitslosigkeit massiv gestiegen und über Jahre hinweg hoch geblieben. «Es war damals sonnenklar, dass es ein Massenphänomen ist. Wirtschaftliche, strukturelle Auswirkungen waren verantwortlich». Schon vorher habe man sanktionieren und die Sozialhilfe in bestimmten Fällen kürzen dürfen. Aber heute sei der politische Druck sehr stark, dies zu tun. 

Das Positive an der Missbrauchsdebatte sei, dass heute viel besser abgeklärt werde, die Abläufe effizienter und die Kontrolle verbessert wurde. Doch selbst wenn heute mehr Dokumente verlangt würden, die Sozialhilfe basiere trotz allem auf einer Selbstdeklaration und die Zusammenarbeit auf Vertrauen. «Mit meiner Erfahrung merke ich im Gespräch bald einmal, ob etwas nicht stimmt ». Manchmal sei sie aber froh, könne sie auf das Instrument der Sozialinspektion zurückgreifen, wenn sie in einem Fall ein schlechtes Gefühl habe und nicht weiterkomme.

Die Möglichkeiten des zweiten Arbeitsmarktes werden häufig überschätzt

«In der Sozialhilfe ist man sehr nah an der Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft», so Kuoni. Das heisse, dass Sozialarbeitende öfter als früher hin stehen und ihr Handeln begründen müssten. Das tut Kuoni zum Beispiel, wenn sie begründen muss, dass bei jemandem eine Zuweisung in ein Programm des zweiten Arbeitsmarktes keinen Sinn macht. Die Gesellschaft gehe häufig davon aus, dass nach einer Vermittlung in den zweiten Arbeitsmarkt, die Arbeitsintegration automatisch funktioniere. Das habe mit der Wirklichkeit jedoch wenig zu tun, so Kuoni. Und sie fügt an: «Mir ist noch selten jemand begegnet, der dank einer Programmteilnahme direkt eine Arbeitsstelle gefunden hat». So sind Arbeitgebende  häufig nicht bereit, gesundheitlich angeschlagene Menschen oder Menschen mit fehlenden Qualifikationen einzustellen. Auch sei das Angebot an Stellen für Wenig-Qualifizierte sehr begrenzt, so Kuoni.

«Das sind einschneidende Lebenssituationen, die nicht zu unterschätzen sind»

Barbara Kuoni

Kuoni ist bewusst, dass die Menschen, die neu auf Sozialhilfe angewiesen sind, häufig genug damit zu tun haben, mit ihrer Situation fertig zu werden. «Das sind einschneidende Lebenssituationen, die nicht zu unterschätzen sind». Und in dieser Situation noch zusätzlich Druck auszuüben, sei nicht zielführend. Obwohl sie es nicht als sinnvoll erachtet, jemanden gegen seinen Willen in ein Arbeitsintegrations-Programm zu schicken, meint sie: «Man muss klar sehen, in der Sozialhilfe gibt es keine Freiwilligkeit». Die Abstimmung über ein existenzsicherndes bedingungsloses Grundeinkommen sei abgelehnt worden. Aber sie versuche in die Diskussion mit den Leuten zu gehen. Es könne nicht sein, dass jemand überhaupt nicht bereit sei, Kompromisse einzugehen.

Im Gespräch stellt Kuoni klar, dass sie Sozialhilfebeziehende nicht als Opfer sehen will. Und immerhin könne man in der Schweiz den Leuten ein Existenzminimum gewährleisten. Sozialhilfebeziehende seien zudem häufig besser gestellt als sogenannte Working-Poor, die knapp über dem Existenzminimum lebten, jedoch Steuern, Gesundheitskosten und ausserordentlich anfallende Ausgaben selber bezahlen müssten. Klar sei es hart, wenn man auf Sozialhilfe angewiesen und keine Perspektive auf eine Arbeit mehr habe. «Dann soll aber auch die Gesellschaft bitte nicht so tun, als gäbe es noch eine berufliche Perspektive für diese Menschen», findet sie. Im Beratungsgespräch ermuntert Kuoni ihre Klientinnen und Klienten, Ideen zu entwickeln und sucht mit ihnen nach Möglichkeiten, um ihr Leben mit wenig Geld zu gestalten. Der bisherige Freundeskreis verkleinere sich zwar, aber vielleicht finde man neue Freunde in einer ähnlichen Situation oder gewinne neue Kontakte durch Freiwilligenarbeit. Trotz zum Teil schwierigen Bedingungen, hat Kuoni immer noch Spass an ihrem Job und ist überzeugt, dass sie einen gewissen Gestaltungsspielraum ausnutzen kann.


«Um sich im Quartier zu engagieren, braucht man eine gewisse finanzielle Sicherheit»

Julia Rogger, Sozialarbeiterin in der Quartierarbeit

Julia Rogger, Quartierarbeiterin im Berner Westen, in den Quartieren Gäbelbach und Holenacker, empfängt mich zusammen mit ihrer Praktikantin Anita Sempach  im neuen Quartiertreffpunkt mit dem Namen «Wohnzimmer». Es ist ein ehemaliges Schulzimmer, das mit einer Sofaecke und einem Tisch wohnlich eingerichtet ist. Als Sozialarbeiterin in der Quartierarbeit mit dem Schwerpunkt in den Quartieren Gäbelbach und Holenacker hat Rogger bei sozialen Problemstellungen der Leute hauptsächlich eine Triage-Funktion und vermittelt Betroffene an geeignete Anlaufstellen weiter. Trotzdem bekommt Rogger die soziale Not, die bisweilen nur diskret sichtbar ist, punktuell mit. Da sind zum Beispiel die Kinder, von denen sie hört, dass sie ein Angebot im Quartier wahrnahmen und sich hungrig auf das Z’vieri stürzten, weil sie zuhause nichts zu Mittagessen gegessen hatten. Die genauen Gründe dafür bleiben zwar im Dunkeln, doch machen sie Rogger nachdenklich. Manchmal wenden sich Menschen mit der Bitte um Rat an sie, wenn sie Geldprobleme haben. Zum Beispiel Eltern, die in finanzielle Not geraten sind, weil sie sich dank der Betreuungsgurtscheine zwar die Kita-Plätze leisten können, die Mahlzeiten jedoch separat zahlen müssten. Oder wenn jemand ausserordentlich anfallende Ausgaben wie Zahnarztrechnungen nicht mehr bezahlen kann. Dieses Phänomen, unerwartete Ausgaben nicht mehr selber decken zu können, ist kein Randphänomen. So verfügte gemäss Bundesstatistik im Jahr 2016 rund eine von fünf Personen nicht über die Mittel, um eine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken zu decken. Auch die Wohnungssuche gestaltet sich für Menschen mit einem tiefen Einkommen schwierig, erfährt Rogger immer wieder. In den Quartieren Gäbelbach und Holenacker gibt es zwar günstige Wohnungen, aber es bleibt trotzdem schwierig, eine Wohnung zu finden. Unter anderem auch, weil die Liegenschaftsverwaltungen darauf achten, eine gute Durchmischung in den Wohnblöcken zu erhalten.

Bern West: arm und reich zugleich

Der Berner Westen ist in den letzten Jahren zu einem Trendquartier herangewachsen. Einen Aufschwung hat der Stadtteil vor allem dem Entstehen von neuen Quartieren wie demjenigen in Brünnen und dem Einkaufszentrum Westside zu verdanken. Neben Quartieren mit vorwiegend gut verdienenden Bevölkerungsschichten gibt es Quartiere mit einem hohen Anteil an Haushalten mit tiefen Einkommen. Gemäss dem Monitoring Sozialräumliche Stadtentwicklung der Stadt Bern aus dem Jahre 2012 variiert die Armutsquote in Bern West in den einzelnen Quartieren zwischen 1.4 und 35 Prozent, während der städtische Durchschnitt bei 11.8 Prozent liegt.

«Es gibt zwar einige mutige Leute, die ihre Armut oder Sozialhilfe-Abhängigkeit offen kommunizieren. Doch der grosse Teil schämt sich und zieht sich in die eigenen vier Wände zurück»

Julia Rogger

Die Quartierarbeit richtet sich zwar an Menschen in benachteiligten Quartieren. Armut ist im Arbeitsalltag aber eher ein Querschnittsthema, als dass die Angebote spezifisch und explizit darauf fokussieren. Die Quartierarbeit hat die insbesondere Aufgabe, die soziale Teilhabe in einem Quartier zu fördern und zu erleichtern, wo diese aus unterschiedlichen Gründen erschwert ist. Das kann sein, weil in einem Quartier der Anteil an tiefen Einkommen hoch ist oder weil vermutet wird, dass die multikulturelle Zusammensetzung den gesellschaftlichen Zusammenhalt erschwert. Die Quartierarbeit unterstützt Projekte, die aus Bedürfnissen im Quartier entstehen und regt die Partizipation an. Sie kann auch Themen aufnehmen, die ihr dringlich erscheinen und die Zusammenarbeit von wichtigen Akteuren anregen, weil sich die Betroffenen nicht alleine organisieren, um ihre Anliegen an den richtigen Stellen einzubringen. So hat die Trägerorganisation der Quartierarbeitenden in Bern, die Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit (VBG), eine Arbeitsgruppe eingesetzt und will das Thema angehen.     

Scham erschwert freiwilliges Engagement

Die gehäufte Anzahl an armutsbetroffenen oder -gefährdeten Menschen hätte zwar das Potential, dass sich diese im Sinne von Community Organizing aktivieren liessen, damit sie sich gemeinsam für bessere Bedingungen einsetzen oder sich gegenseitig unterstützen könnten. Doch Rogger relativiert. Zu unterschiedlich sind die individuellen Umstände und Gründe für Armut und nur weil sich Menschen in einer ähnlichen wirtschaftlichen Situation befinden, heisst dies noch lange nicht, dass sie sich auch gut verstehen und miteinander in Kontakt treten wollen. Weil sich die Betroffenen aus dem sozialen Leben zurückziehen, ist dies eher eine sozialromantische Vorstellung, glaubt Rogger. Einige entwickeln eine bewundernswerte Phantasie, um aus ihrer Situation das Beste zu machen. So weiss Rogger von einer Frau, die mit einem sehr engen Haushaltbudget für eine ganze Familie gesunde und günstige Mahlzeiten zubereitet und immer bestens darüber informiert ist, wann und wo sie günstig einkaufen kann. «Mit wenigen Sachen wie zum Beispiel Toilettenrollen kann sie mit den Kindern etwas basteln, das wirklich schön aussieht». Doch das ist die Ausnahme. Armut kann heissen – muss es aber nicht –, dass jemand viel Zeit zur Verfügung hat. Das wäre eigentlich eine gute Voraussetzung, um im Quartier Freiwilligenarbeit zu leisten. Doch für die Quartierarbeit ist es nicht einfach, solche Freiwillige zu finden. «Es gibt zwar einige mutige Leute, die ihre Armut oder Sozialhilfe-Abhängigkeit offen kommunizieren. Doch der grosse Teil schämt sich und zieht sich in die eigenen vier Wände zurück». Zuweilen begleitet Rogger einzelne Leute über eine längere Zeit hinweg und sucht bei Stiftungen nach Möglichkeiten, um sie zu unterstützen, damit ein freiwilliges Engagement im Quartier überhaupt möglich ist, erzählt Rogger. Das sind meist Leute, die zu ihr ein gewisses Vertrauen gefasst haben. «Man kann sich im Quartier nur engagieren, wenn man über eine gewisse finanzielle Sicherheit verfügt», ist sie überzeugt.

Am Ende des Gesprächs im «Wohnzimmer» kommt eine fremdsprachige Familienfrau mit der Bitte um Beratung ins Büro von Quartierarbeiterin Rogger. Seit zwei ihrer erwachsenen Kinder ausgezogen sind, ist ihre Wohnung gemäss den Sozialdienstrichtlinien zu teuer. Weil sie in der angesetzten Frist keine günstigere Wohnung fand, bezahlt sie seit Monaten die Differenz aus dem sowieso schon knapp bemessenen Grundbedarf der Sozialhilfe. 

Armutskonzepte und Glossar

Auf der Website des Nationalen Programms gegen Armut gegenarmut.ch sind die verschiedenen Armutskonzepte beschrieben.

Hier ist auch ein Glossar zu armutsrelevanten Begriffen zu finden.

Auf der Website des Bundesamtes für Statistik (BFS) sind die Armutskonzepte ebenfalls beschrieben.

Bundesamt für Statistik (BFS): Armut

Bundesamt für Statistik (BFS): Sozialhilfe

Bundesamt für Statistik (BFS): Armut in der Schweiz: Konzepte, Resultate und Methoden. Ergebnisse auf der Basis von SILC 2008 bis 2010

Nationales Programm gegen Armut: gegenarmut.ch

Christoph Merian Stiftung und FHNW: Arbeitsmarkt und Armut in Basel-Stadt. Trends, Herausforderungen und Handlungsansätze

Fachbücher

Knöpfel, Carlo; Schuwey, Claudia: «Neues Handbuch Armut in der Schweiz» 
Caritas-Verlag, Luzern, 2014; ISBN 987-3-85592-132-4

Müller de Menezes, Rahel: Soziale Arbeit in der Sozialhilfe. Eine qualitative Analyse von Fallbearbeitungen
Springer Verlag, 2012; ISBN 978-3-531-18399-2

Josef Mooser, Simon Wenger (Hrsg.): Armut und Fürsorge in Basel. Armutspolitik vom 13. Jahrhundert bis heute
Christoph Merian Verlag, 2011;ISBN 978-3-85616-523-9

Dubach, Philipp et al.: Armutsbericht Basel-Stadt. Ursachen – Dynamiken – Handlungsempfehlungen
Christoph Merian Verlag, 2010, ISBN 978-3-85616-500-0

Ditzler, Christoph; Sirmoglu, Avji: Strategien gegen Armut. In: Widerspruch 70, 2017