15 Jahre Jubiläum Jubiläumsserie

Das Soziale muss verhandelbar sein - oder: führt der Weg zu einer sozialen Stadt über den Sozialraum?

Dezember 2018 / Christian Reutlinger und Patricia Roth

Als der Begriff „Sozialraum“ hierzulande auftauchte, wurde er als Lösung gegen die bröckelnde soziale Kohäsion in Quartieren angesehen. Daraufhin entstanden Gemeinschaftszentren und Quartiergärten, um die sozialen Qualitäten von Wohnquartieren zu stärken. Dieses gängige Verständnis vom „Sozialraum“ erschwerte aber die Diskussion über die eigentlichen ausgrenzenden Mechanismen. Christian Reutlinger und Patricia Roth zeigen anhand des Bundesprogrammes „Projects urbains“, wie sich der Begriff „Sozialraum“ in den letzten 15 Jahren gewandelt hat. 

Vor etwa zehn bis 15 Jahren taucht der Begriff des «Sozialraums» in der Schweiz im Zusammenhang mit Lösungsambitionen sozialer Problemlagen wie Desintegration, Polarisierung und Segregation in Gemeinden und Städten auf. In Visionen für eine soziale Stadtentwicklung fand er folglich verschiedentlich seinen Niederschlag. Gestärkt werden sollten die sozialen Qualitäten eines Wohnquartiers, wie gemeinsame Identitätsbezüge der Bewohnerschaft, soziale Netze oder Sozialstrukturen.     

Unter dem Label Sozialräumlichkeit wurden diese Qualitäten zwar gestärkt, die Verhandlung sozialer Fragestellungen, wie Ungleichheit, Ausschlussmechanismen oder Polarisierung im sozialen Raum der Gesellschaft, jedoch gerade wegen dieses Sozialraumverständnisse verunmöglicht. In einem Rückblick wird im vorliegenden Beitrag diese spezifische Begriffsentwicklung entlang des Schweizerischen Förderprogramms ‘Projets urbains’ rekonstruiert und problematisiert.

1. Das Problem: Das Quartier als benachteiligter Raum

Die Verhinderung von Segregation, also der räumlichen Ballung von Bewohnenden in Gemeinden und Städten entlang gemeinsamer Merkmale, steht seit den 1990er-Jahren verstärkt auf den politischen Agenden vieler europäischer Städte und Länder. Während Segregation in allen Einkommens- und Bildungsschichten zu beobachten ist, wird sie vor allem dann problematisiert, wenn sie zur räumlichen Konzentration sozialer oder ethnischer als benachteiligt bezeichneter Bevölkerungsgruppen in Wohnquartieren führt. Die Rede ist dann von ‘Problemzonen’, ‘Brennpunkten’, manchmal sogar von ‘Ghettos’. Wenngleich die Intensität der räumlichen Segregation in Schweizer Städten deutlich geringer zu beurteilen ist als in anderen europäischen Städten[1], zeigen sich in schweizerischen Ballungsgebieten etwa seit dem Jahr 2005 ebenfalls Anzeichen sogenannter benachteiligter bzw. benachteiligender Wohngebiete. Dies vor allem in Agglomerationsgemeinden und kleinen bis mittelgrossen Städten[2]. 

[Quartiere], die «von wirtschaftlich und sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen bewohnt (werden), das Zusammenleben gestaltet sich schwierig, Bausubstanz und Umgebung werden vernachlässigt, das Quartier verfügt über ein negatives Image»

Städteverband, focus Newsletter

Dort hätten sich Quartiere herausbildetet, die «von wirtschaftlich und sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen bewohnt (werden), das Zusammenleben gestaltet sich schwierig, Bausubstanz und Umgebung werden vernachlässigt, das Quartier verfügt über ein negatives Image»[3]. Die nachgesagten, sich selbstverstärkenden Effekte der Segregation wie Armutsgefährdung, fehlende Bildungschancen, Kriminalität etc. führten zu Ausgrenzung und Diskriminierung der Bewohnenden und zunehmend zu einer gesellschaftlichen Polarisierung bzw. Spaltung. Der ‘Raum’ ­– verstanden als Wohnquartier – wird also sowohl zum Indikator als auch zur Ursache sozialer Ungleichheit. Denn Wohn- und Lebensräume würden sich zu «Orten sozialer Ausgrenzung entwickeln»[4], was sich negativ auf die Lebensqualität der Bewohnenden auswirke und soziale Desintegration zur Folge hätte. Dieser Abwärtsspirale einzelner Quartiere oder ganzer Gemeinden und Städte müsse Einhalt geboten werden. Dies insbesondere vor dem Hintergrund eines Standortwettbewerbs, in dem der schlechte Ruf eines Quartiers oder einer Gemeinde bzw. Stadt als negativer Standortfaktor gewertet wird. Als geeignetes Instrument wurde lange Zeit eine stärkere ‘soziale Mischung’ in den Wohnquartieren gesehen, welche vor allem durch (bauliche) Aufwertungsprozesse forciert wurde. Nicht nur blieb ein ursächlicher Zusammenhang zwischen individueller Benachteiligung und fehlender sozialer Mischung unbelegt, sondern es gingen mit Aufwertungen oft auch Verdrängungsprozesse einher[5]. Diese Erkenntnis schlug sich fortan in Bestrebungen nieder, städtebauliche und soziale Ziele in der Entwicklung der Gemeinden und Städten stärker in Verbindung zu denken.  

2. Die Lösung: Die Entwicklung des Nahraums

Angesichts dieses Entwicklungspanoramas plädierte beispielsweise die Städteinitiative Sozialpolitik, eine Sektion des Schweizerischen Städteverbandes, 2007 dafür, im Sinne einer präventiven Integrationsförderung «das Soziale in der strategischen Stadtentwicklung künftig stärker»[6] zu gewichten. Städte wären als «Seismografen der sozialen Wirklichkeit»[7] prädestiniert, ja sogar verpflichtet, eine Vorreiterrolle einer innovativen Sozialpolitik einzunehmen. Denn «Stadtentwicklung kann einen gewichtigen Beitrag zur Integrationsförderung vor Ort leisten»[8], indem sie Massnahmen aus Politikfeldern wie Gesundheit, Bildung, Arbeiten, Wohnen, Kultur und Soziales gezielt bündele[9]. Eine integrierte, vernetzte Stadtentwicklung berücksichtige die Belange aller Bevölkerungsgruppen und schaffe Lebensqualität für alle[10], d. h. sie ermögliche «Raum für eine Vielfalt von Menschen und Gruppen, die unterschiedliche Lebensentwürfe verwirklichen können»[11].

«Raum für eine Vielfalt von Menschen und Gruppen, die unterschiedliche Lebensentwürfe verwirklichen können»

Städteinitiative Sozialpolitik

Der Weg zu einer sozialen Stadt, «in der Bewohnerinnen und Bewohner sich gesellschaftlich, beruflich, kulturell beteiligen»[12], führt gemäss der Städteinitiative Sozialpolitik über den ‘Sozialraum’. Zumindest wurde der ‘Sozialraum’ im Positionspapier ‘Sozialpolitik öffnen und vernetzt handeln. Städteinitiative Sozialpolitik: Strategie 2015’ als zentrales Medium der Integrationsförderung identifiziert: «Integrationsförderung braucht nicht zwingend einen institutionellen Rahmen. Was sie auf jeden Fall braucht, ist Raum. Soziale Integration hat viel zu tun mit der Möglichkeit, Räume und Freiräume zu nutzen. Mit der Möglichkeit, im Wohnumfeld den Nachbarn zu begegnen. Hier – im Sozialraum – greifen Massnahmen für Integration. Sollen sich Kinder gut entwickeln, sollen sich Jugendliche und Erwachsene mit ihrem Quartier identifizieren, soll sich tragende Nachbarschaft bilden können, sind unwirtliche Quartiere aufzuwerten»[13].

Im ‘Sozialraum’, welcher hier als Nahraum und Begegnungsraum aufgefasst und definiert wird, würde nach den Vorstellungen dieser Vision einer sozialen Stadtentwicklung ein grosses Integrationspotenzial schlummern. Erweckt werden könne dieses einerseits über kleinräumliche Handlungsnetzwerke, die für alle Bewohnenden zugänglich sind und in denen soziale Durchmischung stattfinden kann. Andererseits wäre auch ein integriertes Vorgehen der städtischen Akteurinnen und Akteure relevanter Ressorts und Politikfelder notwendig. Mit dieser Vision der Verbesserung der Lebensqualität im Nahraum einerseits und der Veränderung der Governance-Prozesse andererseits werden in der Problembekämpfung polarisierender Städte Ansätze für die Schweiz übernommen, die in anderen europäischen Städten und Ländern seit den 1990er Jahren diskutiert und umgesetzt wurden.

3. Soziale Stadtentwicklungsprogramme: Zur Ausgabe Schweiz

Mit ihrer Forderung nach einer «vernetzten, strategischen Stadtentwicklung in Richtung Soziale Stadt»[14] nimmt die Städteinitiative Sozialpolitik begrifflich einen expliziten Bezug auf das deutsche Stadtentwicklungsprogramm ‘Soziale Stadt’ aus dem Jahr 1999 vor.

Mit dem als Integrationsmassnahme beschlossenen nationalen Programm ‘Projets urbains – Gesellschaftliche Integration in Wohngebieten’ folgt im Jahr 2007 schliesslich eine ‘Schweizer Ausgabe’ eines sozialen Stadtentwicklungsprogramms. Über die Projektlaufzeit bis ins Jahr 2015 werden insgesamt 22 Projekte in Wohnquartieren kleiner bis mittelgrosser Städten und Agglomerationsgemeinden lanciert. Die Projekte umfassen in je ortsspezifisch unterschiedlicher Gewichtung Massnahmen in den sieben Handlungsfeldern Soziokulturelle Aktivitäten, Integration und Teilhabe, Nahversorgung und öffentliche Einrichtungen, Immobilienentwicklung, Mobilität und Strassen, Freiraum und Wohnumfeld sowie Quartierimage.

Im Vergleich zur der von der Städteinitiative Sozialpolitik formulierten Vision wird jedoch eine Bedeutungsverschiebung erkennbar: Während diese Integrationspotenzial vor allem im «Sozialraum», aufgefasst als Nahraum und Begegnungsraum, identifiziert, bezeichnet das Programm ‘Projets urbains’ das Quartier als «Ort der Veränderung»[15] und zentrale Grösse, in der Integrationsmassnahmen mittels eines integralen, prozessorientierten und partizipativen Ansatzes entwickelt und umgesetzt werden können: «Das Quartier wird auch in den nächsten Jahren ein Brennpunkt der räumlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung von Gemeinden und Städten bleiben. Denn qualitätsorientierte Innenentwicklung, Integration aller Bevölkerungskreise sowie Lebensqualität entstehen immer aus und in einem Kontext, so auch und besonders im Quartier. Hier sind Herausforderungen und Konflikte anzugehen, hier sind Chancen zu packen»[16]. Das Sozialräumliche bezeichnet im Falle der ‘Projets urbains’ den Lebensraum Wohnquartier mit seinen sozialen Qualitäten wie gemeinsamer Bezugspunkte, Identitäten, Strukturen und Netze und wird damit in Ergänzung zur einer ausschliesslich baulich-räumlichen Lesart über Kenngrössen wie Lage, Grösse, Einwohnerzahl etc. gesehen[17].  

4. Den Raum gleichzeitig über drei Wege gestalten: Städtebau, Quartierleben und politisch-administrative Strukturen

Vor diesem Hintergrund soll ein genauerer Blick darauf geworfen werden, wie in den 'Projets urbains' der Anspruch erfüllt wird, mittels der Förderung und Gestaltung von Integration in den Quartieren Massnahmen gegen Ausgrenzung und gesellschaftliche Polarisierung zu ergreifen. Zu diesem Zweck soll an dieser Stelle das St. Galler Modell als «Denkfigur zur Gestaltung des Sozialraums»[18] herangezogen werden. Über das St. Galler Modell lassen sich drei professionelle Gestaltungszugänge und ihr wechselseitiges Zusammenspiel analysieren:

  • über Orte und ihre materiellen Beschaffenheiten,
  • über Individuen und Gruppen, die an die Orte Handlungsbedarfe formulieren,
  • sowie über Formen und Inhalte politisch-administrativer Steuerungen

Hinsichtlich der ‘Projets urbains’ lässt sich diese Denkfigur anhand der von den Autorinnen des abschliessenden Evaluationsberichts definierten «Aktionsebenen» des Programms[19] spiegeln und hinsichtlich sozialer Gestaltungsanspruchs reflektieren.

Auf Aktionsebene «Räumliche Errungenschaften» werden Verbesserungen der Lebensqualität in den Quartieren mittels räumlicher, gestalterischer oder städtebaulicher Massnahmen gefasst (siehe Zugang über materiell-physische Welt in Abbildung 1). Dabei hätte der «sozialräumliche Fokus» Errungenschaften vor allem in zwei Handlungsfeldern bewirkt: Zum einen die Schaffung von Begegnungsräumen durch Freiraum- und Wohnumfeld-Gestaltungen bspw. in Form von neugestalteten Quartierstrassen, Spielplätzen oder Gemeinschaftsgärten. Öffentliche Freiräume würden so vermehrt als «Erfahrungsräume, welchen den Nutzenden wichtige Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe bieten»[20] wahrgenommen. Zum anderen wurden erste Erfahrungen mit der Beteiligung der Bevölkerung in der Konzeption städtebaulicher Vorhaben gemacht. Massnahmen im Bereich Wohnungsmarkt und Bewirtschaftung konnten nur im Ansatz realisiert werden. Gestaltungsansprüche des Sozialen konnten auf räumlicher Ebene also vor allem durch Arrangements physischer Räume, welche Begegnung ermöglichen und befördern sollen, erfüllt werden. Dabei scheint eine Setzung vorgenommen zu werden, dass Begegnung grundsätzlich Voraussetzung für Integration sowie Teilhabe nur in Gemeinschaft zu realisieren sei.

Auf Aktionsebene «Aktivierung und Unterstützung des Quartierlebens» stehen die Unterstützung des sozialen Austauschs und der Vernetzung mit dem Ziel der Verstetigung im Mittelpunkt (siehe Zugang über Arbeit mit Menschen in Abbildung 1). Dies wurde über die Initiierung oder Förderung von Infrastrukturen wie Gemeinschaftszentren und Quartiertreffs, Netzwerken und Quartiergruppen sowie soziokulturellen Angeboten bearbeitet. Dadurch seien «günstige Voraussetzungen für die Stärkung der sozialen Integration und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zwischen und innerhalb verschiedener Generationen, Kulturen und Sprachgruppen»[21] geschaffen worden. Die Zielausrichtung der Angebote liegt dabei auf einer präventiven Wirkung: «Gelingt es, Kinder in verschiedene Angebote einzubinden und ihre Freizeit sinnvoll zu strukturieren, so stehen die Chancen gut, dass sie mit fortschreitendem Alter auch als Jugendliche einen guten Draht zum Quartier oder zu Siedlung beibehalten»[22]. Hinter dem Anspruch, Nachbarschaftsaustausch und -vernetzung zu aktivieren, scheint also eine gewisse Normalvorstellung des sozialen Zusammenlebens zu stehen.  

«Gelingt es, Kinder in verschiedene Angebote einzubinden und ihre Freizeit sinnvoll zu strukturieren, so stehen die Chancen gut, dass sie mit fortschreitendem Alter auch als Jugendliche einen guten Draht zum Quartier oder zur Siedlung beibehalten»

Evaluation Projects urbains

Die Aktionsebene «Politisch-administrative Verankerung und Zusammenarbeit» zielt auf die Förderung neuer, abteilungsübergreifender Zusammenarbeitsformen anhand integrierter Handlungskonzepte und gemeinsamer Ziele und Visionen (siehe Zugang über Steuerung und Organisationen in Abbildung 1). Die Veränderung der Zusammenarbeitskultur und die Verankerung in den Verwaltungsstrukturen stellten dabei die grössten Herausforderungen dar, um Anliegen der Quartierentwicklung themenzentriert aus verschiedenen Perspektiven behandeln zu können. Letztlich lässt sich jedoch feststellen, dass auf dieser Aktionsebene anstelle der inhaltlichen Bearbeitung gesellschaftlicher Integration vor allem organisationale Fragen der Zusammenarbeit in den administrativen Abteilungen der Gemeinden und Städte im Mittelpunkt stehen.

Das Programm scheint eine soziale und integrierte Entwicklung in den Gemeinden und Städten zwar über vielfältige Wege anzugehen, allerdings bietet es in keinem Zugang Aushandlungsmöglichkeiten über die leitenden Vorstellungen einer erstrebenswerten Entwicklung. Stattdessen werden implizite Vorstellungen des Zusammenlebens in Gemeinschaft und Gesellschaft transportiert. Auch auf der von Autorinnen der Evaluation zusätzlich identifizierten, vierten Aktionsebene – der Installation einer sogenannten intermediären Instanz zwischen Gemeinde und Quartier – findet eine solche Aushandlung nicht statt. Lediglich mit Kompetenzen der Koordination und Kooperation ausgestattet, soll sie meist in Form eines Quartiermanagements Bedürfnisse aus dem Quartier ermitteln, bündeln und gegenüber der Verwaltung und Umfeldakteurinnen und -akteuren vertreten sowie, in umgekehrter Richtung, Informationen aus der Verwaltung in die Quartiere vermitteln. Eine Aushandlung des Sozialen scheint also auch hier nicht möglich.  

5. Und wo wird das Soziale verhandelbar?

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich also, dass über die verschiedenen Aktionsebenen der 'Projets urbains' vor allem Vergemeinschaftungsgefässe und -momente geschaffen werden, ohne dass jedoch diese und die dahinterstehende Vorstellung des sozialen Zusammenlebens zur Verhandlung gestellt werden. Der Fokus scheint folglich vor allem auf der Umsetzung dieser Vorstellung, nicht allerdings auf Fragen ungleicher Zugangsmöglichkeiten und etwaiger Ausschlussmechanismen zu liegen. Auf dem Weg zu einer sozialen Stadt müssten eben diese sozialen Fragenstellungen zur Diskussion stehen dürfen. In einem Verständnis von Sozialraum, der sich im Quartier vor allem durch gemeinsame Bezugspunkte, Identitäten, Strukturen und Netze äussere, wird dies jedoch erschwert, wenn nicht ausgeschlossen – dies da die ausgrenzenden Mechanismen selten im Nahraum, sondern auf gesamtgesellschaftlicher Ebene liegen.

Läge dem Handeln ein Verständnis von Sozialraum als «ständig (re)produzierte Gewebe sozialer Praktiken», d. h. eines Raums, der auch über gesellschaftliche Verhältnisse und daran geknüpftes Handeln wirkt, zugrunde, würden Bedingungen sozialer Ungleichheit und ausgrenzende Mechanismen thematisier- und verhandelbar.

Christian Reutlinger und Patricia Roth

Läge dem Handeln ein Verständnis von Sozialraum als «ständig (re)produzierte Gewebe sozialer Praktiken»[23], d. h. eines Raums, der auch über gesellschaftliche Verhältnisse und daran geknüpftes Handeln wirkt, zugrunde, würden Bedingungen sozialer Ungleichheit und ausgrenzende Mechanismen thematisier- und verhandelbar. Ein solches Raumverständnis und die damit verbundene Vorstellung des (Mit)Gestaltens sozialräumlicher Zusammenhänge durch professionelle Praktiken würde damit Gestaltungsprozesse erlauben und erfordern, welche ständig und kritisch zu reflektieren wären[24]. Für professionelle Akteurinnen und Akteure, die in diese Gestaltungsprozesse eintreten, bedeutete dies, das eigene Handeln stets zu reflektieren und divergierende Ansprüche der Beteiligten herauszuarbeiten und zu benennen.

Die Genese der schweizerischen nahraumorientierten Stadtpolitik der vergangenen 15 Jahren zeigt also, dass viele Wege über «den Sozialraum» führen. Angesichts dieser Vielfältigkeit ist es deshalb entscheidend, von einem Sozialraumverständnis auszugehen, mit welchem nicht nur auf der gelebten Ebene des Miteinanders im Nahraum positive Veränderungen angestossen werden können. Vielmehr muss es gelingen, an den ausgrenzenden gesellschaftlichen Mechanismen anzusetzen und darüber das Soziale (wieder) verhandelbar zu machen. Erst dann befindet sich Stadtpolitik auf dem Weg zu einer sozialen Stadt.

[1] Schöffel, J., & Kemper, R. (2012). Governance nachhaltiger Quartierentwicklung – ein Vergleich der Programme «Projets Urbains» und «Soziale Stadt». In M. Drilling, & O. Schnur (Hrsg.), Nachhaltige Quartiersentwicklung (S. 165-179, hier S. 167). Wiesbaden: Springer VS.

[2] Vgl. Maury, J., Neuhaus, R., & Sfar, D. (2010). 'Projets urbains': Gesellschaftliche Integration in Wohnquartieren. In focus Newletter des Schweizerischen Städteverbands, 3(10), verfügbar unter staedteverband.ch/cmsfiles/focus_03_10_dt_2.pdf, S. 3. Sowie für den Agglomerationsraum Zürich vgl. Heye & Leuthold, 2006 Heye, C., & Leuthold, H. (2006). Segregation und Umzüge in der Stadt und Agglomeration Zürich. Stadt Zürich.

[3] Maury, J., Neuhaus, R., & Sfar, D. (2010). 'Projets urbains': Gesellschaftliche Integration in Wohnquartieren. In focus Newletter des Schweizerischen Städteverbands, 3(10), verfügbar unter staedteverband.ch/cmsfiles/focus_03_10_dt_2.pdf, S. 3.

[4] Ebd., S. 44.

[5] Vgl. Programm Projets urbains (Hrsg.) (2011). Soziale Mischung und Quartierentwicklung: Anspruch versus Machbarkeit. Bern.

[6] Städteinitiative Sozialpolitik (Hrsg.) (2007). Sozialpolitik öffnen und vernetzt handeln. Städteinitiative Sozialpolitik: Strategie 2015, S. 5.

[7] Ebd., S. 12.

[8] Ebd., S. 23.

[9] Vgl. ebd., S. 23.

[10] Vgl. ebd.

[11] Ebd., S. 3.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd., S. 23.

[15] Programm Projets urbains (Hsrg.) (2017). Handbuch Quartierentwicklung. Wissen für die Praxis aus acht Jahren Programm «Projets urbains – Gesellschaftliche Integration in Wohngebieten». Bern, S. 11.

[16] ebd., S. 5.

[17] Vgl. ebd., S. 11.

[18] Reutlinger, Ch., & Wigger, A. (2010): Das St. Galler Modell – eine Denkfigur zur Gestaltung des Sozialraumes. In dies. (Hrsg.), Transdisziplinäre Sozialraumarbeit. Grundlegungen und Perspektiven des St. Galler Modells zur Gestaltung des Sozialraums (S. 13-54, hier S. 46). Berlin: Frank&Timme.

[19] Vgl. Müller, F., Flamand-Lew, E., & Amberg, H. (2016). Evaluation Programm Projets urbains 2012-2015. Schlussbericht. Luzern.

[20] Ebd., S. 36.

[21] Ebd., S. 35.

[22] Ebd.

[23] Kessl, F., & Reutlinger, Ch. (2010). (Sozial)Raum – ein Bestimmungsversuch. In dies. (Hrsg.), Sozialraum – eine Einführung (2. Aufl., S. 21-38, hier S. 21). Wiesbaden: VS Verlag.

[24] Vgl. Kessl, F., & Reutlinger, Ch. (2010). Reflexiv räumliche Haltung. In dies. (Hrsg.), Sozialraum – eine Einführung (2. Aufl., S. 125-133). Wiesbaden: VS Verlag.


Strategien für eine soziale Stadt

Bereits in den 1990er Jahren gab es im europäischen Ausland erste Initiativen, welche mittels integrierter Entwicklungsansätze der bröckelnden sozialen Kohäsion in europäischen (Gross-)Städten entgegenzuwirken versuchten. Förderprogramme zielten – in aller Kürze – auf gebietsspezifische Massnahmen, welche lokale Partnerschaften von staatlichen, privaten und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren sowie die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger vorsahen. Diese Kriterien wurden im Kern u. a. aufgenommen in das deutsche Städtebauförderungsprogramm aus dem Jahr 1999 zur «Stabilisierung und Aufwertung städtebaulich, wirtschaftlich und sozial benachteiligter und strukturschwacher Stadt- und Ortsteile»[1] unter dem Titel ‘Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt’.

Spätestens mit der ‘Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt’ aus dem Jahr 2007 wurde einer sozialen Stadtentwicklungspolitik auch grenzüberschreitende Bedeutung zugemessen. Die unterzeichnenden Ministerinnen und Minister für Stadtentwicklung aller EU-Mitgliedstaaten erklärten sich zu einer verstärkten Nutzung einer integrierten Stadtentwicklungspolitik unter besonderer Aufmerksamkeit auf sogenannte benachteiligte Quartiere. Folgend wurden in verschiedenen europäischen Ländern und Regionen sich gegenseitig beeinflussende Programme für soziale Stadtentwicklung angestossen[2]. Hinter diesen Ansätzen der sogenannt sozialen Stadtentwicklung liegt die Idee, dass nicht nur die Probleme in bestimmten Wohngebieten bündeln, sondern dass in diesen Gebieten auch Ansätze zu deren Überwindung liegen. «Punktuelle Eingriffe zur Verbesserung der Lebensqualität vermögen die entstehende Negativspirale nicht zu durchbrechen. Vielmehr braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, der Probleme und Potentiale des Quartiers mit einbezieht. Nötig sind eine interdisziplinäre Vision und die Zusammenarbeit der verschiedenen Interessengruppen»[3].

[1] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) (2017). Zwischenevaluierung des Städtebauförderungsprogramms Soziale Stadt. Bonn, S. 23.

[2] Vgl. Frank, S. (2008). Stadtentwicklung durch die EU: Europäische Stadtpolitik und URBAN-Ansatz im Spannungsfeld von Lissabon-Strategie und Leipzig Charta. Raumforschung und Raumordnung, 66(2), S. 107-117.

[3] Maury, J., Neuhaus, R., & Sfar, D. (2010). 'Projets urbains': Gesellschaftliche Integration in Wohnquartieren. In focus Newletter des Schweizerischen Städteverbands, 3(10), verfügbar unter staedteverband.ch/cmsfiles/focus_03_10_dt_2.pdf, S. 3.


Neue Nachbarschaften in der S5-Stadt – eine Studie zu nachbarschaftlicher Unterstützung im Quartier

Ein Projekt des Instituts für Soziale Arbeit der Fachhochschule St.Gallen ergründete die real gelebten Formen nachbarschaftlicher Unterstützung von Bewohnerinnen und Bewohnern im Agglomerationsraum der sog. "S5-Stadt". Ausgangspunkt war die Erfahrung eines sozialen Vereins, der in seiner Gemeinde einen Quartierentwicklungsprozess in Gang setzen wollte. Im Rahmen der Aktivitäten rund um den Quartierentwicklungsprozess wurde die Bewohnerschaft als homogene Gruppe angesprochen. Die dabei angestrebte Aktivierung der Bewohnerinnen und Bewohner zu nachbarschaftlicher Unterstützung führte jedoch nicht zum gewünschten Erfolg. Im Rahmen der Studie wurden Personen in drei Wohnsiedlungen in einem Quartier zu ihren aktuellen Formen von Nachbarschaftsbeziehungen befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Vorstellung eines Quartiers als homogene Gruppe und den sich darin abspielenden Beziehungsstrukturen unter den gegebenen gesellschaftlichen Entwicklungen immer weniger adäquat ist, um nachhaltige Entwicklungen der Nachbarschaften und damit des Quartiers zu erreichen. Ein Quartier bzw. die in ihm agierenden Personen sind heute viel komplexer, sodass räumliche Nähe keine hinreichende Voraussetzung für die Entstehung von Nachbarschaftsbeziehungen ist. Diese entstehen erst über das Handeln der einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner – was wiederum u. a. stark von deren Interessen, Problemen, aktuellen Lebensphasen und sozialen Status abhängig ist.

Neue Nachbarschaften in der S5-Stadt: Von der Metamorphose der nachbarschaftlichen Beziehungen im Quartier

Das vorliegende Projekt ergründet die heute real gelebten Formen nachbarschaftlicher Unterstützung und Belastungen von BewohnerInnen sowie architektonische Wirkungen auf Nachbarschaftskontakte in der S5-Stadt. Der Forschungsfokus liegt auf dem Wie der Verbindung von persönlichen Beziehungen (sozial-gelebten Nachbarschaftsbeziehungen) und Siedlungsarchitektur (territorial-architektonisch angelegten Nachbarschaft) in der Agglomeration.  


Quartierentwicklung – Eine Chance für Gemeinden und Städte?

Als Indikator für die Sichtweise, dass dem Sozialraum eine integrative Kraft zugesprochen wird, kann eine Publikation des Programms Projets urbains von 2017 dienen. Sie richtet sich explizit an Gemeinden und Städte und wirbt für eine sogenannte „integrale Quartierentwicklung“. Unter „integralem“ Vorgehen wird das „Zusammenspiel von unterschiedlichen politischen Abteilungen wie Bau und Planung, Soziales, Integration, öffentliche Sicherheit oder Schule und Bildung wie auch die konsequente Beteiligung der betroffenen Bevölkerungsgruppen“ beschrieben. Die Broschüre will mit illustrierten Beispielen den Gemeinden vier Argumente aufzeigen, weshalb sich für sie ein integrales Vorgehen in der Quartierentwicklung lohnt. Dies soll allenfalls auftretenden sozialen Spannungen zuvorkommen. „So treffen in urbanen Räumen Menschen verschiedenster Kulturen, mit unterschiedlichen Lebensweisen und Vorstellungen aufeinander, was auch Nährboden für Konflikte und Spannungen sein kann.“ Um dem entgegenzuwirken biete integrale Quartierentwicklung einen Rahmen, um Personen, Vereinen und Institutionen zu ermöglichen, sich aktiv und zusammen mit anderen an der Gestaltung ihres Lebensraums zu beteiligen. „In Mitwirkungsverfahren bringen sich Menschen mit ihren individuellen Vorstellungen zur Verbesserung der Lebensqualität ein und realisieren gemeinsam Projekte“, so die Vorstellung. Angeregt wird zum Beispiel die Schaffung von Treffpunkten, Quartierbüros oder anderen Orten der Kommunikation wie Anschlagbretter.    

Die Broschüre


Berufsfeld Community – Lernen durch Erfahrung und Vernetzung

Siedlungsassistenzen, Quartiermoderationen oder Concierge-Services – moderne Wohnkonzepte sehen vielerorts gemeinwesenorientierte Kontaktstellen vor. Solche "Community-orientierten" Stellen sollen das Zusammenleben in der Siedlung, im Quartier oder in der Gemeinde steuern und niederschwellige Alltagsunterstützung und Beratung anbieten. Das Institut für Soziale Arbeit der FHS St.Gallen beschäftigt sich in einem Forschungs-, Lern- und Vernetzungsprojekt mit diesem "Berufsfeld Community". Erste Ergebnisse des Projekts zeigen, dass obwohl solche "Community-orientierten" Konzepte vielversprechend sind, sie auch mit Problemen einhergehen: Personen, welche solche Stellen aufbauen und bewirtschaften, sind oftmals mit widersprüchlichen und ungeklärten Erwartungen konfrontiert. Das führt zu Problemen im Arbeitsalltag und bei der Herausbildung eines beruflichen Selbstverständnisses. Gleichzeitig spitzen sich mit dem sozialen und demografischen Wandel die Herausforderungen und Problemlagen zu, mit denen sich die Stellen auseinandersetzen müssen. Am Ende des Projekts sollen praxistaugliche Arbeitskonzepte entstehen und bei Bedarf die Grundlagen für den Aufbau eines beruflichen Netzwerks entwickelt werden. 

Berufsfeld Community – Lernen durch Erfahrung und Vernetzung


Verankerung von Gemeinwesenarbeit im deutschsprachigen Raum – ein trinationales Forschungsprojekt

Den Anstoss für das laufende Forschungsprojekt "Verankerung von Gemeinwesenarbeit" (2014 – 2019) hat die Wissenslücke gegeben, die es bezüglich Trägerschaften und Finanzierung von Gemeinwesenarbeit (GWA) im deutschsprachigen Kontext (A, BRD, CH) gibt. GWA ist einerseits ein traditionsreiches und für die komplexe moderne Gesellschaft mit ihren Dynamiken sozialer Ungleichheit bedeutsames Konzept Sozialer Arbeit. Andererseits ist GWA in Disziplin und Praxis Sozialer Arbeit relativ marginalisiert. So ist GWA oft nicht ausreichend finanziell abgesichert bzw. fachlich wie politisch tendenziell „unsichtbar“, da sie oft unter anderen Bezeichnungen (z.B. Quartier- oder Stadtteilarbeit, Soziokulturelle Animation, Quartierkoordination) durchgeführt wird. Es hat sich eine Vielfalt von Fachressorts, Politikfeldern und Programmatiken herausgebildet, in denen GWA-Praxis verortet ist (z.B. Stadt-/Quartiersentwicklung, Arbeit mit älteren Menschen, Wohnen, Erwachsenenbildung uvm.). Damit verbunden ist eine breite Streuung der Finanzierungsquellen und damit einhergehender Zielstellungen der GWA-Einrichtungen.

Das Projekt zielt darauf, die verschiedenen Finanzierungsquellen, -modalitäten und Trägerschaftsstrukturen von GWA herauszuarbeiten. Die Erkenntnisse können eine Grundlage bieten für die Entwicklung von Argumenten und Strategien zur besseren finanziellen Verankerung und Anerkennung von GWA. Als "Nebenprodukt" wird, gefördert vom Institut für Soziale Arbeit der FHSG, ein online zugänglicher Atlas der GWA-Praxis erstellt, um so die Sichtbarkeit und Auffindbarkeit von GWA zu erhöhen.

Das Forschungsprojekt ist ein Projekt der Sektion Gemeinwesenarbeit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (A, BRD, CH). Finanzielle Unterstützung erfährt das Projekt von der FHS St.Gallen, der Alice Salomon Hochschule Berlin, der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und der Hochschule Hannover.

Kontakt: Maren Schreier, Dozentin FHSG, maren.schreier@fhsg.ch


Mit dem Beitrag von Christian Reutlinger und Patricia Roth endet unsere Jubiläumsserie. In den sechs über das letzte Jahr verteilten Artikeln haben wir die wichtigsten Entwicklungen im Sozialbereich der letzten 15 Jahre Revue passieren lassen. Wir haben uns mit den Veränderungen des Sozialstaats befasst, sind der Frage nachgegangen, was es heisst, in der reichen Schweiz arm zu sein und haben den Wandel in der Institutionenlandschaft etwas genauer unter die Lupe genommen. Weiter haben wir uns mit der Entstehung der Fachhochschulen für Soziale Arbeit befasst und bei Sozialen Institutionen nachgefragt, wie sie mit der Digitalisierung umgehen. Alle Texte sind unter 15.sozialinfo.ch/jubilaeumsserie nachzulesen.